Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 8. Jakob Seidl (Wien): Das Österreichische Staatsarchiv, dessen Abteilungen und führende Beamten in den letzten fünfzig Jahren. I. Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv

österreichisches Staatsarchiv und seine führenden Beamten. 135 Mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue hat Oswald Redlich, wenn auch von L. Bittner durch Rat und Tat unterstützt, sich der ihm übertragenen Aufgabe, die man als Oberleitung der österreichischen Archive bezeichnen kann, trotz seiner viel­fachen Belastung als Hochschullehrer und Präsident der Wiener Akademie der Wissenschaften gewidmet. Und während seiner Amtsdauer gibt es wenige Geschäftsstücke des Haus-, Hof- und Staatsarchivs und des Amtes des Archivbevollmächtigten, die nicht seine Unterschrift tragen und oft auch von ihm vorgenommene Änderungen zeigen. Für das Amt des Archiv­bevollmächtigten war er durch seine wissenschaftliche Stellung und durch sein gewinnendes Wesen die geeignetste Persönlichkeit, zumal er auch bei den Verhandlungsgegnern sich größten Ansehens erfreute und in vielen Fällen deren Lehrer oder in wissenschaftlichen Fragen mit ihnen aufs engste verbunden war. Aber auch nach dem Rücktritt vom Amte des Archivbevollmächtigten hat Oswald Redlich weiterhin dem österreichischen Archivwesen sein Augenmerk zugewendet. Seinem Eintreten allein ist es zu danken, daß der seit dem Jahre 1925 aufgelassene staatliche Archiv­schutz durch die 1928 erfolgte Wiedererrichtung des Archivamtes wieder eingerichtet worden ist und bis 1940, dem Ende der österreichischen Zentral Verwaltung, erfolgreich gewirkt hat 1). Redlichs wissenschaftliche Bedeutung zu würdigen, bin ich nicht berufen; auch ist dies bereits von zuständiger Seite in mehreren Nachrufen geschehen. Die Beamten des Öster­reichischen Staatsarchivs schulden ihm, der zu den bedeutendsten Historikern Österreichs zu zählen ist, ewigen Dank dafür, daß er die österreichischen Zentralarchive vor der ihnen 1918 drohenden Aufteilung gerettet hat. Geistig ungebrochen und voll Arbeitspläne ist er, dem schwere Schicksalsschläge — der Tod dreier erwachsener Kinder und der Verlust der Gattin — nicht erspart blieben und dessen deutschem Fühlen die 1938 in Österreich ein­setzende politische Entwicklung den Lebensabend verbitterten, am 20. Jänner 1944 im 86. Lebensjahr verschieden. Wenn ich hier jener Männer gedachte, die seit 1897 als Leiter des Haus-, Hof- und Staats­archivs dessen Entwicklung und Geschichte führend beeinflußten, wurde dadurch gleichzeitig die Geschichte dieser Anstalt während dieses Zeitraumes in großen Zügen beschrieben. Um dieses Bild zu vervollständigen, will ich nun nur kurz das Wirken einiger Beamten schildern, die zwar nicht als Leiter tätig waren, deren Tätigkeit aber die Geschichte des x^rchivs beein­flußte. Einer der ersten Beamten des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, den ich persönlich kennen­lernte, war Anton Viktor Felgel; es war dies im Jahre 1908, als wir junge Historiker den 50. Geburtstag unseres Lehrers Oswald Redlich feierten. Felgel stand damals nicht mehr im aktiven Dienst, da er 1905 nach vierzigjähriger Dienstzeit unter Erhebung in den Ritter­stand als zweiter Vizedirektor in den Ruhestand getreten war. Die verantwortungsvollste Arbeit, die ihm gleich nach Eintritt in den Dienst zugefallen war, war die im Jahre 1866 zusammen mit Wilhelm Klemm durchgeführte Flüchtung der wertvollsten Bestände in die Ofener Burg. Außer Ordnungsarbeiten ist Felgel wissenschaftlich wenig tätig gewesen. Durch seine Sprachkenntnisse und seine Hilfsbereitschaft war er den Archivbenützern ein beliebter Helfer und durch seine gesellschaftlichen Formen und seine äußere Erscheinung, an der sein langwallender Bart besonders auffiel, gewissermaßen ein Inventarstück des Archivs. Nach seiner Pensionierung war er als Präsident des Vereines für Landeskunde für Niederösterreich und als Vorstandsmitglied des Altertumsvereines zu Wien eifrig tätig, wofür er mit dem großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik ausgezeichnet worden ist. Am 22. Mai 1930 ist er hochbetagt gestorben. Johann Paukert, der unter Verleihung des Ritterstandes im Jahre 1913 als erster Vize­direktor in den Ruhestand getreten ist, lernte ich 1911 kennen, als er Mitglied der Prüfungs­*) Erst in der allerletzten Zeit ist es gelungen, diese 1940 unterbrochene Arbeit, die inzwischen von einzelnen Landesarchiven in vorbildlicher Weise weitergeführt worden ist, wiederaufzunehmen. Zu ver­gleichen mein Aufsatz ,,Archivalienschutz in Österreich“. Archivalische Zeitschrift 44 (1936) 149—164.

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