Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 8. Jakob Seidl (Wien): Das Österreichische Staatsarchiv, dessen Abteilungen und führende Beamten in den letzten fünfzig Jahren. I. Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv

136 Seidl, kommission am Institut für österreichische Geschichtsforschung war, vor der ich meine Archivprüfung ablegte. Paukert galt nächst Gustav Winter als einer der genauesten Kenner des gesamten Archivs, bei der älteren Beamtengeneration ein seltener Fall, da es bei dem damaligen Referentensystem, zumal jeder Referent eifersüchtig darauf bedacht war, ja nie­mand anderem Einblick in die ihm an vertrauten Abteilungen zu gestatten, und dem Fehlen des Generalkataloges unendlichen Fleißes und Mühe bedurfte, sich in allen Beständen zurecht­zufinden. Árpád Györy, der kurz nach dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie in den Ruhestand trat und im Jahre 1942 81 Jahre alt als Familiare des Stiftes Kremsmünster, in dem er seine Gymnasialstudien zurückgelegt hatte, gestorben ist, war der typische altösterreichische Beamte. Pflichtgetreu auch in den nebensächlichsten Dingen, liebenswürdig gegen jedermann und vollendeter Weltmann, sprachenkundig und weitgereist. Sein Hauptverdienst erwarb er sich beim Neubau des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, indem ein Teil der Pläne und die Anlage der Bibliothek auf ihn zurückgehen. Durch seine Sprachen­kenntnisse und seine hilfsbereite Unterstützung ausländischer Benützer erwarb er sich die Mitgliedschaft mehrerer ausländischer Gesellschaften. Nachdem er in den verschiedensten Abteilungen verwendet worden war, unterstand ihm die Bibliothek und das Familienarchiv, das er 1905 von A. Felgel übernommen hatte. Nach 1918 war er noch durch mehrere Jahre Vertreter des Hauses Habsburg-Lothringen bei dessen Verhandlungen über das Hausarchiv bei der jungen Republik. Josef Lampel, der 1879 in den Dienst des Haus-, Hof- und Staatsarchivs trat, 1915 als Hofrat pensioniert wurde und 1924 im 74. Lebensjahre gestorben ist, war hauptsächlich in der Urkundenabteilung tätig, die ihm wertvolle Ordnungsarbeiten verdankt. Wissenschaft­lich beschäftigte er sich als Forscher in der niederösterreichischen Landesgeschichte und erwarb sich als Ausschußmitglied des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich und des Altertumsvereines zu Wien, des späteren Vereines für Geschichte der Stadt Wien, große Verdienste. In diesen beiden Vereinen lernte ich ihn kennen und schätzen. Alfred Anthony Siegenfeid, geboren 1854, trat erst 1894 in den Archivdienst ein, da er, nachdem er vier Jahre Jus und Philosophie studiert hatte, Berufsoffizier wurde, die Kriegs­schule absolvierte und nach vorübergehender Dienstleistung im Generalstab als Husarenritt­meister diente. Sein in privater Forschung erworbenes Wissen in Genealogie, Sphragistik und Heraldik brachte es mit sich, daß er als Archivar in diesem Gebiete sich zum ersten Fach­mann dieser Disziplinen der Monarchie entwickelte und auch im Ausland als solcher geschätzt wurde. Daß er auch mit allen diese Fragen berührenden amtlichen Erledigungen betraut wurde, ist selbstverständlich, ebenso daß er in der Kommission zur Neuschaffung des öster­reichisch-ungarischen Staatswappens führend tätig und Ahnenprobenexaminator des Oberst­kämmereramtes war. Daneben verwaltete er den sphragistischen Apparat des Archivs und durch längere Zeit die Urkundensammlung und erwarb sich beim Neubau des Archivgebäudes dadurch große Verdienste, daß er die Konstruktion der Urkundenkästen entwarf, deren Ver­wendbarkeit sich bei den Bergungen des zweiten Weltkrieges erwies. Beim Ende der Monarchie als Ministerialrat in den Ruhestand getreten, ist Siegenfeld im Jahre 1929 gestorben. Vaclav Kratochvils, geboren 1861, 1891 in den Archivdienst getreten, Hauptverdienst war die Einrichtung des photographischen Ateliers im Neubau des Haus-, Hof- und Staats­archivs, auf welche Aufgabe er sich durch längere Praxis in der Graphischen Lehr- und Ver­suchsanstalt vorbereitet hatte, und in dem er den Dienst, nur 1908 bis August 1914 durch eine fachlich ausgebildete Hilfskraft unterstützt, bis 1918 versah. Leider war es in Österreich nach 1918 nicht möglich, die veralteten Apparate des Ateliers durch neue zu ersetzen, so daß die photographischen Arbeiten eingestellt werden mußten. Erst 1940 bei Errichtung des Reichsarchivs Wien gelang es, in kriegsbedingtem bescheidenem Ausmaß eine eigene Lichtbildstelle in dem dem Archiv gehörigen Hause Bankgasse 8, einzurichten, die gegen­wärtig nach ihrer Übersiedlung in das Haus am Ballhausplatz dem Bundeskanzleramt und

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