Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 8. Jakob Seidl (Wien): Das Österreichische Staatsarchiv, dessen Abteilungen und führende Beamten in den letzten fünfzig Jahren. I. Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv

134 Seidl, Es liegt eine Tragik im Wirken dieses Mannes, dessen Sinnen und Trachten in erster Linie dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv galt, daß er, bald nachdem er dessen Leitung über­nommen hatte, gezwungen war, durch die anbefohlenen Bergungen die musterhafte Ordnung dieser Anstalt zu zerstören. Nur dem Zwange gehorchend entschloß er sich hiezu. Und in Vorahnung der kommenden Ereignisse, sagte er zu mir während einer im Jänner 1944 zur Besichtigung einer neuen Bergestelle unternommenen vielstündigen Wanderung durch Eis und Schnee: „Wie wir es machen, auf jeden Fall werden wir es falsch machen.“ Und er hat recht behalten. Nachdem er sich aber zur Durchführung der Bergungen entschlossen hatte, ging er trotz seiner seit Jahren angegriffenen Gesundheit allen seinen Mitarbeitern, keine körperliche Arbeit scheuend, als Vorbild voraus. Vom Herbst 1942 an hat es wenig Bergungs­fahrten gegeben, die er nicht persönlich leitete. Noch einen Monat vor seinem Tod hat er einen Aktentransport nach Lauffen bei Ischl geleitet und die Einlagerung der Bestände in den Stollen des Bergwerks überwacht. Hiebei hat er sich den Keim der Lungenentzündung zugezogen, der er nach einem am 18. Mai 1944 in seinem Arbeitszimmer erlittenen Schlag­anfall am 31. Mai im 57. Lebensjahr erlegen istx). Zweier Männer habe ich noch zu gedenken, die, wenn auch nicht dem Beamtenkörper des Haus-, Hof- und Staatsarchivs angehörend, als vorübergehende Leiter dieser Anstalt entscheidend auf deren Schicksal eingewirkt haben: Ludo Moritz Hartmann und Oswald Redlich. Ludo Moritz Hartmann, dessen wissenschaftliche Verdienste als Historiker auf einem dem österreichischen Archivwesen fremden Gebiete liegen, übernahm nach dem Zusammen­bruch der alten Monarchie als Bevollmächtigter des deutschösterreichischen Staatsrates die Oberleitung der österreichischen Archive und die Direktion des Haus-, Hof- und Staats­archivs. Wenn er auch in Erkenntnis, daß er über die praktische Erfahrung im Archivdienst nicht verfüge, die Amtsgeschäfte dem damaligen rangältesten Beamten L. Bittner überließ, so wurden unter seiner kurzen Leitung — bereits im Dezember 1918 wurde er als öster­reichischer Gesandter nach Berlin berufen — drei wichtige organisatorische Änderungen geschaffen: Aufhebung der Vorzensur der den Benützern vorzulegenden Archivalien, Be­stimmung, daß nur Absolventen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung als wissenschaftliche Archivbeamte angestellt werden dürfen und die Erlassung einer neuen Benützungsordnung, die mit geringen Änderungen noch heute in Geltung steht. Anders Oswald Redlich, der nach L. M. Hartmann die Leitung des Haus-, Hof- und Staatsarchivs und das Amt des Archivbevollmächtigten der Republik Österreich übernahm, die erstere im Juni 1919 an O. Mitis abgab, letzteres aber, das nach dem Zusammenbruch geschaffen worden war, um die Archivverhandlungen mit den Nachfolgestaaten zu führen, bis 1924 weiterführte, in welchem Jahre diese Agenden von einer von einem Archivbeamten, L. Bittner, geleiteten Abteilung des Bundeskanzleramtes, Auswärtige Angelegenheiten, übernommen worden sind. Oswald Redlich war der für dieses Amt. geeignetste Mann, denn er war selbst aus dem Stand der Archivbeamten hervorgegangen — er war 1882 bis 1892 Beamter des Innsbrucker Statthaltereiarchivs —, war neben seiner akademischen Lehr­tätigkeit Korrespondent der dritten (Archiv-) Sektion der Zentralkommission zur Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale und, nachdem 1912 die Aufgaben dieser Sektion an das Ministerium des Innern übergegangen waren, Vorsitzender des Geschäfts­ausschusses des Archivrates, dem er seit dessen Gründung im Jahre 1894 bis zur vorüber­gehenden Auflösung im Jahre 1921 angehörte. Als Hochschullehrer war er seit seiner 1892 erfolgten Berufung nach Wien Lehrer fast aller Archivbeamten der österreichisch-ungarischen Monarchie und hat wohl als einer der ersten in deutscher Sprache ein Kolleg über Archiv­kunde gehalten. *) Die Veröffentlichungen L.Groß’ aufzuzählen erscheint hier nicht am Platz, da sie in dem oben­erwähnten Nachruf, im 1. Band des Gesamtinventars des Haus-, Hof- und Staatsarchivs und bei allen Gemeinschaftsarbeiten dieser Anstalt genannt worden sind.

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