Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
I. Archiv-Wissenschaften - 8. Jakob Seidl (Wien): Das Österreichische Staatsarchiv, dessen Abteilungen und führende Beamten in den letzten fünfzig Jahren. I. Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv
Österreichisches Staatsarchiv und seine führenden Beamten. 133 jahrelangen Vorarbeiten zu diesem Werk, an dem alle Beamten des Haus-, Hof- und Staatsarchivs beteiligt waren, bis zu dem schlagartigen Erscheinen desselben geheim geschaffen wurden, zeugt für den altösterreichischen Beamtengeist der Angehörigen des Haus-, Hof- und Staatsarchivs und der Österreichischen Staatsdruckerei, die mit der Drucklegung betraut war. Das Repertorium der diplomatischen Vertreter aller Länder wurde bereits erwähnt. Während des zweiten Weltkrieges wurde, einer Anordnung Bittners folgend, in gemeinsamer Arbeit der meisten Beamten mit einer großangelegten Ausgabe der „Urkunden und Aktenstücke des Reichsarchivs Wien zur reichsrechtlichen Stellung des Burgundischen Kreises“ begonnen, von der der erste Band, bearbeitet von L. Groß, und der dritte Band, bearbeitet von J. K. Mayr’ noch zu Lebzeiten Bittners erschienen sind. Und als Anerkennung der Persönlichkeit Bittners darf es wohl angesehen werden, daß nach dessen Tod das Bundeskanzleramt des neuerstandenen Österreich das Erscheinen des vierten Bandes ermöglicht hat, während der zweite Band, bearbeitet von L. Groß und R. Lacroix, nur als Manuskript vorliegt. Nicht als einer Gemeinschaftsarbeit, da nur zwei Beamte dazu herangezogen wurden, muß noch der letzten Arbeit Bittners gedacht werden, die als Ergänzung des Werkes,, Österreich- Ungarns Außenpolitik 1908—1914“ auf Grund des durch die Kriegsereignisse zugänglich gewordenen Aktenmaterials der Gegenseite geplant war und an der Bittner bis an sein Lebensende, alles andere hintansetzend, gearbeitet hat. Daß es nicht möglich war, dieses Werk zu vollenden, war wohl die Hauptursache seines freiwilligen Todes. Kein Vorgänger Bittners hat solche, das Archiv in seinem Bestände gefährdende staatsrechtliche Veränderungen zu bekämpfen gehabt wie er. War es ihm nach 1918 mit Hilfe Oswald Redlichs gelungen, alle österreichischen Archive in ihrem Hauptbestand unversehrt zu erhalten, so drohte dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv im Jahre 1938 wieder Gefahr. So sehr Bittner, den ich seit dem Jahre 1909 kenne, als alter Großdeutscher seit 1918 ein Anhänger des Anschlußgedankens war, so bereitete ihm schon in den Märztagen 1938 der Gedanke schwere Sorge, daß man daran denken würde, wie die Reichskleinodien, auch das Archiv des alten Deutschen Reiches in das Reich zu entführen. Daß dies nicht geschah und das Haus-, Hof- und Staatsarchiv wohl das einzige große österreichische Institut ist, das zwischen 1938 und 1945 — von Kriegsschäden abgesehen — keine Verluste erlitten hat, ist ausschließlich Bittners Verdienstx). Nachdem Bittner im April 1940 die Leitung des Reichsarchivs Wien übernommen hatte, wurde sein Nachfolger in der Direktion des Haus-, Hof- und Staatsarchivs Lothar Groß 2). In Lothar Groß, mit dem mich seit dem Jahre 1906 engste Freundschaft verband, hat das Haus-, Hof-und Staatsarchiv wohl den besten Archivar Österreichs und hilfsbereitesten Menschen, den ich je kennenlernte, als Leiter gefunden. Was Groß als Archivar, als Berater und als akademischer Lehrer geleistet hat, wird jedem, der diesen Mann kennenlernte, unvergeßlich bleiben. Wie kein anderer hat er es verstanden, neben der alltäglichen Kleinarbeit als Archivar und gerade aus dieser heraus wertvollste Erkenntnisse zu schöpfen und diese zu veröffentlichen. Als akademischer Lehrer hat er als Nachfolger Oswald Redlichs seit 1929 neben anderen hilfswissenschaftlichen Vorlesungen das Kolleg über Archiv- und Aktenkunde gelesen und dasselbe auf Grund seiner im praktischen Archivdienst während zweier Jahrzehnte gewonnenen Erkenntnisse weit ausgebaut und hiebei Übungen im Archiv abgehalten. Hätte ihm seine amtliche Überlastung und sein früher Tod nicht daran gehindert, diese Vorlesungen in Buchform zu veröffentlichen, so wäre dies eine auf breitester Quellenunterlage beruhende „Archiv- und Aktenkunde“ geworden3). x) Die Umwandlung der Österreichischen Zentralarchive in das Reichsarchiv Wien, die gleichfalls Bittners Anregung zuzuschreiben ist, wurde in meinem Aufsatz „Das Österreichische Staatsarchiv“ im I. Heft der „Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs“ geschildert. *) Nachruf im Almanach der Wiener Akademie der Wissenschaften, Jahrgang 1945, von L. Bittner. 3) R. H. Meisners „Aktenkunde“ beruht fast ausschließlich auf preußischen Quellen.