Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
I. Archiv-Wissenschaften - 6. Walter Pillich (Wien): Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung (1762-1794) ....
114 Pillich, Der Präses der Studienhofkommission, Gottfried Freiherr van Swieten, suchte am 29. August 1785 x) empfehlend bei der Staatskanzlei an, daß dem ungarischen Rechtsgelehrten und Geschichtsschreiber Joseph Petrowitsch 2) zur Bearbeitung des Ungarischen Staatsrechtes und der damit verbundenen Geschichte gestattet werde, mehrere Urkunden im Hausarchiv einzusehen und dann davon Gebrauch zu machen. Der königlich neapolitanische Historiograph und Archäologe Franceso Daniele 3) richtete am 2. Juli 1786 4) aus Caserta bei Neapel zunächst eine Bittschrift an den Kaiser, ob er sein Werk ,,Die Beschreibung der in Palermo befindlichen alten Könige von Sizilien“ der kaiserlichen Bibliothek verehren dürfe. Kaunitz erwähnt in seinem Vortrag vom 24. August 1787 5) an den Kaiser ausdrücklich, ,,daß Daniele nichts anders verlangt weder von nöthen hat“. Am 9. Oktober 1787 6) trat Daniele aus Portiéi wieder mit einer Bitte an den Kaiser heran. Mit der Bearbeitung einer Geschichte von Sizilien beschäftigt, äußerte er diesmal den Wunsch, aus den kaiserlichen Archiven und Bibliotheken von allen Dokumenten Kopien zu erhalten, die auf die Hohenstaufen Bezug haben, insbesondere auf Heinrich VI., Friedrich II. und Konrad. Der Kaiser betraute Kaunitz mit der Erledigung. Wieder durch Gottfried Freiherrn van Swieten erfahren wir aus seinem Gutachten an den Kaiser vom 10. Jänner 1787 7) von einem Geschichtsforscher Jean Des Roches 8) aus Brüssel, der sich zum Studium des Normalschulwesens in Wien aufhielt. Des Roches, seit 15 Jahren mit der Geschichte der Niederlande beschäftigt, will sein Werk im Umfange von etwa 4 bis 5 Quartbänden, das sich auch schon im Druck befände, herausgeben und dem Kaiser zueignen. Van Swieten findet dieses „Unternehmen wichtig“ und ist auch der Meinung, es verdiene „Ermunterung“, doch solle dem Werk nur „A l’Empereur Roi“ vorgesetzt werden dürfen, was auch der Kaiser guthieß. Der Offizial Josef Helwig 9) hatte seine im Hausarchiv durch die bei der Ordnung und Regestierung der Urkunden erworbenen Kenntnisse der Chronologie vertieft und dabei Anregung zu wissenschaftlicher Betätigung gefunden. Dem Briefwechsel des Hofrates Schmidt mit dem Archivwissenschaftler Spieß von 1781 10) verdanken wir die Erwähnung, daß dem Kulmbacher Archivar die ihm von Helwig übersandte, 1780 entstandene Abhandlung „Versuch zu Bestimmung der bisher noch immer unbestimmt gebliebenen Erwählung- und Krönungstage Siegmunds, Ungarischen, Römischen, Böheimischen Königs und Kaisers“ so gut gefiel, daß er dafür sorgte, sie 1782 im zweiten Teil der von Johann Georg Meusel zu Augsburg herausgegebenen „Beyträge zur Erweiterung der Geschichtskunde“ auf Seite 79—94 unterzubringen. Schon damals scheint Helwig an seiner 1787 in Wien im Verlag Kurzbeck erschienenen „Zeitrechnung zur Erörterung der Daten in Urkunden für Deutschland“ n), zu der Hofrat Schmidt die Vorrede schrieb, gearbeitet zu haben. Fürst Kaunitz war es, der dieses Werk mit einem Geschenk von 50 Dukaten auszeichnete. Dieser Vorläufer des „Grotefend“ war durch lange Zeit ein verläßliches und unentbehrliches Hilfsmittel für die Zeitrechnungsbestimmung von Urkunden gewesen. Angeregt durch seinen Erfolg, plante Helwig auch noch eine zweite, verbesserte und vermehrte Auflage als „Zeit- *) *) K. A. 1785/15. 2) Wurzbach, 1. c., 22. Bd., S. 127. 3) Enciclopedia italiana, XII. Bd., S. 295. 4) St. K. W., Fasz. 2. 6) St. K. V., Fasz. 216. «) St. K. W., Fasz. 2. 7) St. K. W., Fasz. 2. 8) Biographie nationale, Brüssel 1876, 5. Bd., S. 789 ff. 9) Wurzbach, 1. c., 8. Bd., S. 297, Biographie v. F. Hüter bei Bittner, 1. c., I. Bd., S. 52 f. 10) Spieß an Schmidt (?) 1781 März 31, K. A. 1781/19. u) Weinkopf zeichnete die Titelblattvignette.