Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 6. Walter Pillich (Wien): Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung (1762-1794) ....

108 Pillich, matik, Sphragistik und Diplomatie, die heute noch erhalten sind 1), bilden den Niederschlag seiner reichen wissenschaftlichen Forschungstätigkeit. Mit Ausnahme einer einzigen, der bereits erwähnten Streitschrift über Rothreussen und Podolien, die 1772 in Druck erschien, blieb Rosenthal, dem Autodidakten, eine weitere Publizierung seiner zahlreichen quellen- kundlichen Arbeiten versagt. Ein Teil seiner „Vollständigen Pragmatischen Geschichte von Oesterreich“, geschrieben auf „Grund von Urkunden“, lag 1766 druckreif vor, um nur die „allerhöchste Gutheißung“ zu erlangen 2). Ähnlich erging es seinem Manuskript über den „Versuch einer besonderen Oesterreichischen Diplomatik von Erzherzog Rudolf IV.“, für das er sogar schon einige Kupferplatten hatte stechen lassen 3). Knapp vor seinem Tode hatte Rosenthal gegen die jüngsten preußischen Druckschriften noch eine Arbeit vollendet, von der Kaunitz in seinem Vortrage vom 26. Februar 1779 4) an Maria Theresia der Meinung war, daß sie zwar mit viel „Gründlichkeit und Gelehrsamkeit“ bearbeitet sei, „doch wegen den darinnen vorkommenden gegen den preußischen Hof sehr ausfallenden obgleich ganz gegründeten Anmerkungen und Ausdrücken“ der Kaiserin überlassen bliebe, ob sie „dennoch durch den Druck bekannt gemacht werden sollte“. Maria Theresia war der Ansicht, „der gute alte Rosenthal hat es wohl gemeint, allein das Ende ist keine Sprach eines Souverains gegen dem andern, muß ganz erligen bleiben“. Obwohl eine umfassende Biographie über diese interessante Persönlichkeit in der Archivgeschichte des Aufklärungszeitalters in Öster­reich, der mit nahezu allen geschichtsforschenden Zeitgenossen in Korrespondenz stand, noch fehlt, kann man annehmen, daß die Enttäuschung Kaunitz’ über den Zustand des Archivs, da Rosenthal ,,. . . seiner billigen Erwartung keineswegs entsprochen . . .“ 5) habe, sich doch nur auf das archivtechnische Gebiet beziehe. Gerade der Staatskanzler war es ja gewesen, der großes Gewicht auf das Votum des Hausarchivars in allen fachlichen Belangen und auch in der Archivforschung legte und sich ausschließlich danach in seinen Entscheidungen und Vorträgen der Kaiserin gegenüber verhielt. Rosenthals großes Verdienst, das in dieser Arbeit jedoch nur bei einzelnen Fällen beleuchtet werden konnte, liegt darin, daß er die ihm anvertrauten Schätze des jungen Hausarchivs der Geschichtsforschung weitgehendst nutzbar zu machen wußte. Ohne Einfluß auf die Förderung der Archivforschung durch Staatskanzler Kaunitz blieb dessen Erlaß vom 4. Oktober 1779, worin er mit der Oberleitung des Archivs den Vice-, Hof- und Staatskanzler Ludwig Grafen Cobenzl und zu dessen Unterstützung noch den Staatsrat Friedrich Binder von Krieglstein, der übrigens 1771 als Archiv­direktor in Aussicht genommen war, und Hofrat Anton Spielmann von der Staats­kanzlei betraute 6). Der Schriftsteller Johann Rautenstrauch 7) hatte eine Biographie der Kaiserin Maria Theresia im Druck erscheinen lassen. Gegen diese Biographie hatte der bei Kaunitz kurze Zeit als Vorleser tätige Friedrich Justus Riedel 8) 1780 eine Gegenschrift: „Nöthige Beilage zu der Rautenstrauch’schen Biographie Maria Theresias“ in Wien herausgegeben. Dieser Schriftstellerstreit fand seinen Niederschlag in einem Vortrag vom 28. Jänner 1780 9) an die Kaiserin. Die Staatskanzlei entwickelt darin die Auffassung des Fürsten Kaunitz von einer quellenmäßig gearbeiteten Biographie der Kaiserin. Ein alter Wunsch würde damit rege, wenn er daran dächte, „daß der geschicktesten deutschen Feder dasjenige, was Rauten­b Vgl. Biographie mit ausführlicher Literaturangabe von P. Kletler bei Bittner, 1. c., I. Bd., S. 117—123. 2) K. A. 1766/1. 3) K. A. 1781/19, die Kupferplatten hat Weinkopf gestochen. *) St. K. V., Fasz. 193. 6) 1779 September 9, St. K. V., Fasz. 196. •) K. A. 1779/3. 7) ADB., 27. Bd., S. 460 und Wurzbach, 1. c., 25. Bd., S. 61 ff, 8) Wurzbach, 1. c., 26. Bd., S. 86. 9) St. K. V., Fasz. 198.

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