Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
I. Archiv-Wissenschaften - 6. Walter Pillich (Wien): Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung (1762-1794) ....
Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung 1762—1792. 109 Strauch, um Brod zu gewinnen, unternommen hat, aufgetragen, und ihm das materiale politicum von der Staats-Cantzley, das internam aber von den Hof-Stellen an Hand gegeben würde“. Dem Geschichtsforscher Joseph von Benczúr 1), der wie bereits 1772 erwähnt wurde 2), Material für eine Streitschrift lieferte, wurde dafür 1773 von der Kaiserin, auf Antrag Kaunitz’, die Senatorenstelle zu Preßburg verliehen 3). Die Widerlegung der von polnischer Seite 1775 herausgekommenen ,,Reponse ä l’exposé préliminaire des droits de la Couronne de Hongrie sur la Russie rouge“, die Benczúr der Kaiserin übersandte, nahm Kaunitz so beifällig auf, daß er ihn für die vakante Ratsherrenstelle in Preßburg vorschlug. Auch drückt Kaunitz der Kaiserin in seinem diesbezüglichen Vortrag vom 13. September 1775 4) die Meinung aus, „einen so fähigen Mann zu ferners diensamen Ausarbeitungen 5) bei sich ergebenden Vor- fallenheiten näher an der Hand zu haben“, sei ebenso, wie bei der neuen Einrichtung des „Schul- und Studienwesens“ seine Anwesenheit in Preßburg von großem Nutzen. Auch die Aufnahme seines 17jährigen Sohnes in die Ingenieur-Akademie zu Wien auf der Laimgrube wußte Kaunitz für Benczúr bei der Kaiserin am 15. April 1776 durchzusetzen 6). Übrigens erhielt Benczúr 1780 auch die Erlaubnis der Staatskanzlei, die beiden österreichischen Privilegien von 1058 und 1156, die meisterhaften Fälschungen aus der Kanzlei Herzog Rudolfs IV., im „Original“ im Hausarchiv selber einzusehen 7). Das Ansuchen des würzburgischen Hofrates und Professors Abbé Michael Ignaz Schmidt 8) bei der Kaiserin zur Fortsetzung seiner Deutschen Reichsgeschichte mit den im Wiener Hausarchiv befindlichen Urkunden, das von ihr bewilligt und befohlen wurde, veranlaßte die Staatskanzlei am 29. Oktober 1780, das Archiv anzuweisen, daß Schmidt „in seinem lob würdigen Unternehmen alle nur immer thunliche Beförderung und Erleichterung verschafft werden soll“. Schmidt kam nach Wien und reichte dem Staatskanzler einige Beiträge zu seiner bekannten „Geschichte der Deutschen“ ein. Die Staatskanzlei gab dem Archiv den Auftrag, ihr alles, was darauf Bezug habe, sowohl Urkunden als auch Schriften, zu berichten und sodann werde Schmidt selbst im Archive diese Stücke einsehen 9). Wie bereits bekannt, war es Kaunitz, der in seinem Vortrage vom 3. Oktober 1780 an die Kaiserin den Abbé Schmidt noch während seiner Arbeit im Hausarchiv zu Wien als Nachfolger Rosenthals zum Chef des Archivs in Vorschlag bringt, mit dem Hinweis auf seine Geschichte der Deutschen, ,,. . . wTomit er einen allgemeinen Beyfall in ganz Deutschland erworben hat.“ Auch für die Entlassung Schmidts, der von Wien nicht mehr nach Würzburg zurückkehrte, weiß Kaunitz das Placet der Kaiserin für weitere diesbezügliche Schritte beim Fürstbischof von Würzburg zu erwirken 10). Der Niederschlag seiner Tätigkeit für die von Kaunitz angeregten Ausarbeitungen ist heute nur noch fragmentarisch überliefert u). Sein Hauptwerk blieb jedoch die erwähnte „Geschichte der Deutschen“, dessen 5. Teil der Staatskanzler dem Kaiser in seinem Vortrag vom 18. April 1783 12) mit der Bemerkung unterbreitet, „die Vorzüglichkeit dieses Werkes ist durch die vorhergehenden Theile bereits genugsam bewährt“. x) Wurzbach, 1. c., 1. Bd., S. 259. 2) Vgl. S. 103. 3) Vortrag Kaunitz vom 19. September 1773, St. K. V., Fasz. 170. 4) St. K. V., Fasz. 179. 5) Seine heute noch im Haus-, Hof- und Staatsarchiv erhaltenen Ausarbeitungen siehe Böhm, 1. c., Nr. 203/1—2, 277/8 B. 6) St. K. V., Fasz. 181. 7) K. A. 1780/2. 8) Biographie mit ausführlicher Literaturangabe von F. Hüter bei Bittner, 1. c., I. Bd., S. 131. 9) K. A. 1780/6 und 1780 März 28, St. K. V., Fasz. 198. 10) K. A. 1780/7. n) Böhm, 1. e., Nr. 144, 901 und 978. 12) St. K. V., Fasz. 207.