Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 6. Walter Pillich (Wien): Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung (1762-1794) ....

106 Pillich, herauskam. Rosenthal kreist in seinem ausführlichen Gutachten um den Gedanken, daß die Grenzen der geistlichen und weltlichen Macht leider noch nicht festgelegt wären *)• Die Kenntnis, daß sich der Staatskanzler Kaunitz auch außerhalb der Grenzen des Reiches der Geschichtsforschung als Vermittler für die Erschließung von Archiven einsetzte, verdanken wir einem Schreiben des Plassenburger Archivars und Historikers Philipp Ernst Spieß 2) aus Kulmbach vom 27. Dezember 1776. Spieß, mit der Arbeit zur Geschichte König Alfons X. von Kastilien beschäftigt, bittet Kaunitz um Vermittlung einiger Fragen aus dem königlichen spanischen Archiv durch den kaiserlichen Gesandten am dortigen Hofe 3). Am 23. August 1777 dankt Spieß in einem Schreiben dem Staatskanzler für die ermittelten Nachrichten und übersendet zugleich seine kurze „Abhandlung von Archiven“ mit der Bitte, sie nebst anderen archivalischen Fragen von Rosenthal prüfen zu lassen, der mit ihm übrigens in regem wissenschaftlichen Briefwechsel stand. Die eingehende beifällige Besprechung Rosenthals vom 21. November desselben Jahres veranlaßte Spieß, sich am 21. März 1778 noch brieflich beim Staatskanzler „für die gute Aufnahme“ seiner Abhandlung zu bedanken 4). Für eine kurze Geschichte über den Reichsadler, an der Spieß 1781 5) schrieb, wobei er sich, „als die einzige beste Quelle“ der Siegel bediente, wandte er sich diesbezüglich schriftlich an den Hausarchivar Schmidt, Zugleich erbat er sich eine Urkundenabschrift in der „Originalsprache“ und deren Druckerlaubnis und erörtert in diesem Zusammenhang verschiedene genealogische Fragen des Hauses Habsburg. Für den k. k. Minister am königlich schwedischen Hofe, Freiherr von und zu Lehrbach, der im „allerhöchsten Aufträge“ über die „Burgauische Insassensache“ ein Gutachten auszuarbeiten hatte und dazu der Einsicht verschiedener „Original Dokumente“ bedurfte, erhielt Rosenthal am 2. September 1777 mittels Billetts den Auftrag, ihm „so oft er dieser wegen in dem Archive erscheinen wird auf alle dienliche Art an die Hand zu gehen6)“. Der Schöpfer jener Schulordnung, die dem österreichischen Unterrichtswesen seine Prägung gab, der Piarist, „Director Humaniorum“, P. Gratian Marx 7), sandte den Entwurf einer Österreichischen Geschichte zum Gebrauche der studierenden Jugend an die Böhmisch- Österreichische Hofkanzlei, der der Staatskanzlei 1778 zur Prüfung durch Rosenthal zukam. Der Hausarchivar stellt nach mehr als sechs Monaten als Prüfungsergebnis eingangs fest, daß die „Geschichte des Erzherzogthums Oesterreich“ und die „Geschichte des Erzherzog­lichen Hauses Habsburg-Oesterreich für die studierende Jugend“ als Verfasser nicht den P. Marx habe, wie in der Hofkanzleinote vermeint wird, sondern den Piaristen P. Gregor Gruber 7). Diesen P. Gruber hatte die 1774 „auf den Namen des Fürsten Alois von Oettingen aus der Savoy’schen Ritterakademie in Druck gegebene Vorstellung des Erzhauses Oesterreich bekannt gemacht“, die aber selbst der eigene Ordensobere mißbilligt und zu unterdrücken gesucht hatte. In seinem ausführlichen, 68 Seiten umfassenden Gutachten bezeichnet Rosen­thal die Arbeit als „so sonderlich und von so wunderlicher Art“, daß er sie „genau von Zeile zu Zeile wegen der auf allen Blättern und Seiten aufgestoßenen Fehlern“ sofort für völlig „unnütz und unbrauchbar und verwerflich erklären“ könne, wenn er nicht im Interesse der Sache die hauptsächlichsten Irrtümer stückweise anzeigen und mit Anmerkungen zu den nötigen Verbesserungen versehen würde. Gruber hätte keine rechte Anlage zur historischen Schreibart, keine Kenntnis des deutschen Staatsrechtes. Ebenso hat sich der Verfasser nicht die mindeste Mühe gegeben, „die ächten Quellen aufzusuchen“ und einzusehen, noch rechtschaffene Geschichtsschreiber zu Rate gezogen, sondern sich mit den nächst­B K. A. 1777/17. a) ADB., 35. Bd., S. 183 ff. 3) St. K. W., Fasz. 2. 4) K. A. 1777/13, 14 und 1778/7. 5) K. A. 1781/19. «) K. A. 1777/10. 7) Wurzbach, 1. c., 5. Bd., S. 383.

Next

/
Oldalképek
Tartalom