Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 6. Walter Pillich (Wien): Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung (1762-1794) ....

100 P illich, Peter Philipp Freiherrn Herbert von Rathkheal1), der „aus rühmlichen Diensteifer“ als Anonymus „die ganze Materie gründlich und in bester Ordnung“ zusammenfaßte und in die französische Sprache übersetzte 2). Welchen Wert Kaunitz dem Gebrauch von Urkunden gerade in seinen politischen Streitschriften im bayerischen Erbfolgestreit beilegte, erhellt der bekannte Vorfall des Renatus Leopold Freiherrn von Senckenberg 3). Durch eine geheime Nachricht erfuhr der Staats - kanzler, daß der Bibliothekar von Lamey zu Mannheim vom darmstädtischen Regierungs­assessor in Gießen, Baron Senckenberg, die Abschrift einer angeblichen Verzichtsurkunde des Herzogs Albrecht erhalten habe, die die „Feinde des kaiserlich königlichen Hofes“ geschickt auszunützen wußten 4). Als Senckenberg 1778 ahnungslos nach Wien kam, wurde er deswegen vorübergehend festgehalten und Verhören unterzogen. Er erklärte immer wieder, eine Abschrift dieser Urkunde vor ungefähr 15 Jahren von seinem Vater, dem schon 1762 als Benützer des Hausarchivs 5) bekannten Reichshofrat Heinrich Christian Freiherrn von Senckenberg (1704—1768) erhalten zu haben, über deren Herkunft er jedoch nichts wisse6). Eine eigens dazu von Kaunitz vorgeschlagene Kommission unter Vorsitz des Freiherrn von Lehrbach, je eines Hofrates der böhmisch-österreichischen Hofkanzlei und der obersten Justizstelle und zweier protestantischen Reichshofräte als Kommissäre sprachen am 28. Februar 1779 7) ihr Urteil aus, das auch die Bestätigung durch die Kaiserin fand. Da der Verdacht einer Urkundenfälschung blieb, nachdem sich ein Besitzer der echten Urkunde nicht meldete, wurde Senckenberg landesverwiesen und mußte innerhalb von 24 Stunden Wien und die Erblande in spätestens drei Tagen verlassen 8). Kaunitz feierte seinen Triumph durch das Kommissionsprotokoll, es sollte die „Welt überführen, was für ein niedriges Subjectum der Preußische Hof zur Stütze seiner Angebungen zu nehmen sich nicht gescheut habe“. Die Art und Weise, wie Kaunitz die bayerische Streitschriftenfrage behandelte, zeigt ihn auch als den gewiegten Diplomaten. Anläßlich der Anwesenheit des kurbayerischen Hofes 1763 zu Wien, in dessen Gefolge sich der durch seine 1751 herausgegebene „Alte und neue Historische Nachrichten von Bayern“ bekannte, sich über seinen Hof so „misvergnügt“ und „ohne Scheuh“ zeigende Historiker Johann Langius befand, zog Kaunitz sogar in Erwägung, Langius nach Wien zu ziehen, wenn er nur brauchbares Quellenmaterial zur bayerischen Geschichte hätte 9). Neben Schrötter war noch der kaiserliche Rat Gottfried Ernst Fritsch mit zahlreichen Denkschriften und Ausarbeitungen, die heute noch als Manuskripte erhalten sind, unter Zuhilfenahme des Archivs für die Staatskanzlei tätig 10). Mittels Handbilletts vom 23. Mai 1764 verständigte Kaunitz den Archivar Rosenthal von einer geheimen Ausarbeitung Fritschs für eine Widerlegungsschrift gegen die in Württemberg Vorjahren in Druck erschienenen Schriften, worin die österreichische weibliche Anwartschaft auf dieses Herzogtum und die Führung des Titels und Wappens angefochten wurden. Außer der Einsicht in zwei auf Württemberg bezügliche Lehensbriefe von 1530 und 1536, die Fritsch sich erbat, war es der Wunsch des Staatskanzlers, „zur Einsicht und Gebrauch“ mitteilen zu wollen, „was sich *) *) Wurzbach, 1. c., 8. Bd., S. 352 ff. 2) 1778 Juni 9, St. K. V., Fasz. 190. 3) ADB., 34. Bd., S. 5. 4) Vortrag Kaunitz an Kaiserin, 1778 Dezember 11, St. K. V., Fasz. 192. 6) Vgl. S. 96 und Anmerkung 5. ®) 1778 Dezember 27, St. K. V., Fasz. 192. 7) St. K. V., Fasz. 193. 8) Diese Landesverweisung wurde erst am 15. September 1792 von Kaiser Franz II. im Gnadenwege aufgehoben, siehe St. K. V., Fasz. 227. 9) Weisung Nr. XXV an Podstatzky, 1764 April 27, St. K. B., Fasz. 34. 10) Böhm, 1. c., Nr. 475, 476, 583, 612, 621, 725 und Suppl. 93.

Next

/
Oldalképek
Tartalom