Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 6. Walter Pillich (Wien): Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung (1762-1794) ....

Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung 1762—1792. 99 Genealogen und Geschichtsforschers Ernst Heinrich Graf Wildenstein *) aus Graz vom 1. April 1767 an Schrötter 2). Wildenstein, als „Urkundensammler“ seiner Zeit bekan nt, macht darin Schrötter, nachdem er eingangs das Werk und seine Bedeutung hervorhebt, auf eine textkritische Stelle in der Urkunde des Testamentes König Ottokars aufmerksam. Man kann fast behaupten, daß Kaunitz den bayerischen Streitschriftenkrieg beinahe ausschließlich mit seiner stärksten Waffe, dem Hofrat Schrötter, führte. Schrötter hatte 1776 3) ohne „Auftrag und Vorwissen“ des Staatskanzlers „aus Antrieb seines Diensteifers“ eine Druck­schrift des berühmten Professors Johann Stefan Pütter 4) zu widerlegen unternommen und legte diese der Zensur Vorschrift gemäß Kaunitz vor. Der Staatskanzler, der dies der Kaiserin mitteilte, hatte um so weniger Bedenken, seine Einwilligung zu geben, weil Schrötter schon eine Reihe von ähnlichen Ausarbeitungen — die ein angeschlossenes Verzeichnis anführt 5) — durch Druck bekanntgemacht hatte und gerade die zu widerlegende Schrift Pütters „sehr nachdrücklich und empfindlich verfasset“ sei. „Für die Ausfindigmachung der von Kaiser Sigismund dem Erzherzog Albert ertheilten Belehnung“ und die Ausarbeitung dieser Gerechtsame hat Kaunitz Schrötter, dem er schon 1774 seine bisherige Besoldung von 3000 Gulden um weitere 1000 Gulden erhöht6) und 1775 ein Hofquartier bewilligt hatte7), 1777 taxfrei zur Verleihung des Ritterstandes vorgeschlagen 8) und eine weitere Besol­dungserhöhung auf 6000 Gulden bei der Kaiserin 1778 zu erreichen gewußt 9). Die Verteidigung der Ansprüche auf Niederbayern, Mindelheim und das böhmische Lehen bezweckte die im April 1778 anonym in Druck erschienene Broschüre „Patriotische Gedanken über verschiedene Fragen bei Gelegenheit der Succession in die von dem verstorbenen Kuhrfürsten Maximilian Joseph rückgelassene Länder und Güter“, die gleichfalls Schrötter zum Verfasser hatte 10). Eine weitere anonym erschienene Druckschrift des Hofrates Schrötter sollte dem „Publikum“ im Kampfe gegen Preußen zeigen, daß dessen König nicht befugt sei, „ohne Consens des Kaisers und Reiches“ die Successionsordnung bezüglich der Einver­leibung der brandenburgischen Fürstentümer in Franken zu ändern. Die Kaiserin war dabei nach dem Vortrag des Staatskanzlers vom 3. August 1778 n) allerdings im Zweifel, ob jetzt die richtige Zeit wäre, diese Druckschrift auszuteilen. Der Staatskanzler Kaunitz verstand es auch, die von ihm angeregten Schriften der „Bayerischen-Successions-Sache“ in Frankreich, England und Holland populär zu machen. Dazu bediente er sich wieder des von ihm sehr geschätzten Hofrates der Staatskanzlei, *) Wurzbach, 1. c., 56. Bd., S. 150. 2) Staats-Kanzlei, Wissenschaft, Kunst und Literatur, in den folgenden Zitaten kurz als St. K. W. bezeichnet, Fasz. 2. 3) 1776 Oktober 8, St. K. V., Fasz. 183. 4) ADB., 26. Bd., S. 749 ff. 5) Anmerkungen über Pütters patriotische Gedanken in Absicht auf einige das Kais, und Reichs- Kammergerichts betreffende Fragen, 1768 4 to. — Fortgesetzte Anmerkungen über Pütters weitere Aus­führung der Frage: ob die erste Klaß der Kammergerichts Visitations-Deputation auf eine gewiße zum voraus bestimmte Zeit abgelößet werden müße. 1769 4 to. — Widerlegung und Beobachtungen gegen des Pütters Versuch einer richtigen Bestimmung des Kaiserlichen Ratifications-Rechtes bey Schlüssen reichs­ständischer Versammlungen usw., 1770 4 to. — Abhandlung von dem Sitz und Stimmrechte der Krön Böheim bey den Reichsberatschlagungen und dem dieser Krön bey dem Reichs-Deputationen gebührenden Range vor Kuhrbayern, 1769 4 to. — Patriotische Bemerkungen gegen die an das Licht getrettene kuhr- bayerische Schrift unter dem Titel Rechtmässigkeit der kuhrbayerischen Mautgerechtsame usw., fol. 1771. 6) 1774 November 9, St. K. V., Fasz. 175. 7) 1775 Mai 31, St. K. V., Fasz. 176. 8) 1777 Jänner 29, St. K. V., Fasz. 184. 9) Auch der Hofrat der Staatskanzlei, Spielmann, war an der Ausarbeitung beteiligt. 1778 Februar 17, St. K. V., Fasz. 188. 10) 1778 April 24, St. K. V., Fasz. 189. n) St. K. V., Fasz. 191.

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