Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 6. Walter Pillich (Wien): Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung (1762-1794) ....

Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung 1762—1792. 97 Beamten des Archivs in deren Amtszeit von 9 bis 12 Uhr und von 15 bis 18 Uhr für ihre Forschungsarbeiten zur Verfügung *). Die Früchte der Erschließung des Hausarchivs für Staat- und Geschichtsforschung sollten sich bald zeigen. Die junge, 1759 zu München gegründete Kurbayerische Akademie der Wissenschaften, deren in Druck erschienene wissenschaftliche Publikationen der historisch-philosophischen Klasse durch den kaiserlichen Gesandten am bayerischen Hofe zu München, Alois Grafen Podstatzky-Liechtenstein 2), dem Staatskanzler zugingen, erregten dessen lebhaftes Interesse 3), wie überhaupt diese Gründung den ungeteilten Beifall Kaunitz’ fand, der Podstatzky einmal 1764 schrieb: „Es wäre zu wünschen, daß man auch in unseren Ländern zur Einpflanzung und Ausbreitung des guten Geschmackes in den nützlichen Wissenschaften nach dem dortigen Beispiel so schöne Anstalten machte 4).“ Kaunitz erkannte sofort darin eine geistige Streitmacht im Bayerischen Erbfolgekrieg, die er mit ihren eigenen Waffen schlagen wollte. Namentlich die 1763 von der bayerischen Akademie aufgegebene historische Preisfrage: „In was für einer Verbindung stand die Markgrafschaft Oesterreich unter Herzog Arnulphen dem Großen gegen den Herzogen in Bayern ? Ist diese Verbindung unter seinen unmittelbaren Nachfolgern auf eben dem Fuße verblieben ? Unter was für einer Verbindung gegen Bayern ist Oesterreich von den Bayerischen Markgrafen beherrschet worden ?“,bei deren Beantwortung die Abhandlung des bayerischen Benediktiners P. Hermann Scholliner 5) den Preis davontrug, ohne im Druck erschienen zu sein, löste bei Kaunitz den Wunsch aus, die Arbeit mit einer Gegenschrift „von einem oesterreichischen Gelehrten“ gleich zu widerlegen6). Die Übersendung dieser Arbeit Scholliners 7) durch Podstatzky quittierte Kaunitz dankend mit dem Wunsche, „das Beispiel unserer Nachbarn, die sich in der Untersuch- und Beleichtung ihrer Landeshistorie so rühmlich hervor thun, sollte billig den Fleis unserer Oesterreichischen Gelehrten zur Nachahmung ermuntern und zu gleichen Unternehmungen anfrischen“. Zugleich übersendete Kaunitz für die 1764 auf­geworfene historische Preisfrage der bayerischen Akademie: „Ob von den Zeiten Kaiser Carls des Großen bis auf den im Jahre MCLVI für Oesterreich erfolgten kaiserlichen Freyheits- brief jemals zwischen dem Herzogthum Bayern und der Marggrafschaft Oesterreich unter der Enns eine Verbindung stattgefunden habe“, die anonyme Arbeit eines „hiesigen angehenden Gelehrten 8)“. Kaunitz bemerkte dazu, daß die Arbeit, obwohl sie „gelehrt und wohl­gegründet sei“, als den bayerischen Staatsgrundsätzen zuwiderlaufend keine Aussicht auf einen Preis habe 9). Am 13. Oktober 1764 nahm die Akademie Stellung zur Preisfrage und unter den zwei besten Arbeiten war die übersandte eines Wiener Schriftstellers, die Podstatzky aber als die des nicht unbekannten Gelehrten Schrötter erkennt 10). Obzwar die Akademie gerne der zweiten Arbeit des P. Scholliner, schon aus patriotischen Gründen, den Preis zuerkannt hätte, fand sie die Schröttersche Arbeit „so stark und ihre Gründe so bündig“, daß sie von deren „vorwiegenden Werth innerlich überzeugt zu seyn schien“ und nahm deshalb von einer Preiszuerkennung Abstand. Schrötter mußte sich mit einer „rühmlichen Erwähnung“ seiner Arbeit in der Wochenschrift der Akademie begnügen. q Bittner, 1. c., I. Bd., S. 168 *, 128 * und 189 *. 2) J. Pilnacek, Genealogie Podstatskych z Prusinovic, Brünn 1929, S. 17, Nr. 207. 3) Staatskanzlei Bayern, Korrespondenz, in den folgenden Zitaten kurz als St. K. Bayern bezeichnet, Weisung an Podstatzky 1764 August 14, Wien. Fasz. 34, vgl. auch R. Khevenhüller—Metsch u. H. Schiitter, Tagebuch des Fürsten Johann Josef Khevenhüller—Metsch 1764—1767, Wien 1917, S. 345 ff. 4) Weisung an Podstatzky 1764 Oktober 30, Wien, St. K. Bayern, Fasz. 34. 5) ADB., 32. Bd., S. 224. 6) Staats-Kanzlei, Vorträge, in den folgenden Zitaten kurz als St. K. V., bezeichnet, 1765 Jänner 9, Fasz. 144, vgl. auch Khevenhüller—Schiitter, 1. c. S. 346 f. 7) Siehe C. Böhm, Die Handschriften des k. u.k. Haus-, Hof- und Staats-Archivs, Wien 1873, Nr. 79, und Bittner, 1. c., III. Bd., S. 188. 8) Böhm, 1. c., Nr. 77 und 78, und Bittner, 1. c., III. Bd., S. 188. 9) Weisung an Podstatzky, 1764 August 14, Wien, St. K. Bayern, Fasz. 34. 10) Bericht an Kaunitz, 1764 Oktober 16, München, St. K. Bayern, Fasz. 34.

Next

/
Oldalképek
Tartalom