Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 6. Walter Pillich (Wien): Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung (1762-1794) ....

96 Pillich, anmelden müßten 1). Kaunitz faßte, wie sein Vorgänger Bartenstein, seine Aufgabe im Sinne einer eigentlichen Direktion auf. Die archivalischen Arbeiten überließ er den Archivaren, deren Rat er in fachlichen Angelegenheiten immer einholte, während er sich die obrigkeitlichen Agenden personeller und administrativer Art vorbehielt. Jedoch läßt die Art, wie Kaunitz den Ansuchen über wissenschaftliche Benützung, sei es schriftliche oder sei es persönliche Benützung, der Archivalien entsprach, ihn als Förderer der Geschichts­wissenschaft im Archive und beim Monarchen erkennen. Durch die zahlreichen diplomatischen Außenposten Österreichs in Europa wirkte mancher geistige und kulturelle Einfluß auf Kaunitz zurück. Namentlich Frankreichs Art und Stil hielten ihn Zeit seines Lebens im Bann. Seine Zuneigung zur französischen Auf­klärung und deren Hauptvertreter Voltaire, der die Geschichtsschreibung nicht nur seines Jahrhunderts entscheidend beeinflußte, scheint ihn auch den Neuerungen auf dem Gebiete der Archiverschließung zugänglich gemacht zu haben. Den Staatskanzler erfüllte eine hohe Auffassung von der Bedeutung des Archivs und er hat sogar an ihre planmäßige Ver­wertung durch wissenschaftlich-schriftstellerische Arbeiten gedacht2). Bald nach der Übernahme der Oberleitung des Archivs durch Kaunitz beeilte sich Rosenthal in einer undatierten Denkschrift von zirka 1762 3), die Einrichtung des geheimen Hausarchivs dem Kanzler vorzutragen. Dieser Denkschrift verdanken wir die ersten Aufzeichnungen über eine wissenschaftliche Benützung des neuen Archivs. So berichtet darin Rosenthal, daß der „verstorbene Professor Collegii Theresiani P. Fröhlich 4) und der Reichshofrath Freyherr von Senkenberg 5) in verschiedenen gedruckten Schriften und noch jüngst der Kays. Königl. Bibliothek erster Custos Kollar 6) in Historia diplomat. Juris patronatus Regni Hungáriáé, pag. 41 sequ. dergleichen mit höchster Genehmhaltung aus dem Archive mitgetheilte Siegel­abzeichnungen zu verschiedenen wichtigen Proben gebrauchet“ hätten. Auch daß dem späteren Bischof von Siebenbürgen, Joseph II. Anton Bajtay 7), zu seiner „Hungarischen Historie“ viele Nachrichten und Abschriften von Urkunden mitgeteilt wurden. Ebenso lieferte Rosenthal für Bartenstein, den Erzieher des Kronprinzen, des späteren Kaisers Joseph II., das Material zu dessen Geschichtsunterricht8). Hemmend für die Archiv­forschung war im 18. Jahrhundert die Überprüfung der Archivbestände vor deren Benützung. Es sollte damit verhindert werden, daß Archivalien, deren Veröffentlichung dem Hofe oder der Staatsraison zuwiderliefen, vorgelegt wurden. Um das beurteilen zu können, verlangte man vom Gesuchssteller genau präzisiert, welche Stücke er einzusehen oder kopiert wünschte. Der Gesuchssteller konnte dies jedoch nur an Hand der spärlichen Literatur feststellen, da die Einsichtnahme in die vorhandenen Repertoiren ihm verwehrt war. In den ersten Jahrzehnten nach Eröffnung des Archivs bestand außerdem noch die staatliche Zensur aller zum Druck gelangenden Werke, die immerhin einen gewissen Schutz gegen unerwünschte Veröffentlichungen bot. Trotz dieser Schwierigkeiten bleibt das unbestreitbare Verdienst aller Archivare — schon seit Rosenthal —, die Aufgaben der wissenschaftlichen Benützung des Archivs mit der Forderung der Staatsraison taktvoll in Einklang gebracht zu haben. Jedenfalls standen im Reichskanzleitrakt der Wiener Hofburg, dem Unter­bringungsort des Archivs bis 1902, den Benützern zwei Arbeitsräume gemeinsam mit den 1) Bittner, 1. c., I. Bd., S. 115 *. 2) Bittner, 1. c., I. Bd., S. 124 *. 3) G. Winter, Die Gründung des k. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchivs 1749—1762, S. 67 ff. 4) Erasmus Fröhlich S. J., Geschichtsforscher, siehe Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiser­thums Oesterreich, 4. Bd., S. 375 ff. 5) Heinrich Christian von Senckenberg, siehe Allgemeine Deutsche Biographie, in den folgenden Zitaten kurz als ADB. bezeichnet, 34. Bd., S. 1 ff. 6) Adam Franz Kollar von Kereszten, siehe Wurzbach, 1. c., 12. Bd., S. 324 ff. 7) Piarist, Bischof von Siebenbürgen 1761—1773. 8) Winter, 1. c., S. 74.

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