Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)
Von der Befreiung des Landes bis zur Schaffung Groß-Budapests (1945-1950)
Die Wahl bewies die erhöhte politische Aktivität nach der Befreiung. Das im September 1945 angenommene Gesetz über das Wahlrecht basierte auf der breiten Anerkennung der demokratischen Rechte. Dem neuen Gesetz zufolge waren 72,8 Prozent der Budapester Bevölkerung stimmberechtigt, und 91,2 Prozent machten davon Gebrauch. (1935, bei den letzten Gemeindewahlen während des konterrevolutionären Regimes, hatten nur 27,9 Prozent der Budapester Bevölkerung das Wahlrecht gehabt und 76,9 Prozent davon Gebrauch gemacht.) Das Ergebnis der Gemeindewahlen zeigte, daß die Arbeiterparteien trotz der fünfundzwanzig Jahre des konterrevolutionären Regimes in der Hauptstadt bedeutenden Einfluß hatten, der sich über die Arbeiterviertel hinaus erstreckte. Es erwies sich aber auch, daß in der Hauptstadt für die Partei der Kleinen Landwirte, die sich nachdrücklich als die Partei der ungarischen Bauernschaft bezeichnete, die Großbourgeoisie, der frühere vornehme Mittelstand, die Intelligenz, die staatlichen Angestellten und die kleinbürgerlichen Schichten stimmten. Ihr schlossen sich von den früheren Pfeilkreuzlern und von den ehemaligen Anhängern der Christlich Nationalen über das Lager der früheren Regierungspartei bis zu einem Teil der liberalen Kreise alle antisozialistischen Elemente an. Es ist bezeichnend, daß die ausgesprochen bürgerlichen Parteien, die in Budapest einen recht beachtlichen Einfluß gehabt hatten und auf Traditionen zurückblicken konnten, eine vollständig untergeordnete Rolle spielten. Ähnliche Ergebnisse brachten Anfang November die Parlamentswahlen. Dem Ergebnis der Gemeindewahlen entsprechend wurde József Kó'vágó, der der Partei der Kleinen Landwirte angehörte, Bürgermeister der Stadt. Die Funktionen der Vizebürgermeister bekleideten die Vertreter der bedeutendsten Koalitionsparteien. Unter dem Einfluß der Partei der Kleinen Landwirte konnte die Stadtverwaltung nicht grundlegend umgestaltet werden. Die Partei bemühte sich, die Koalition aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig geriet die Entwicklung der politischen Verhältnisse im Land und somit auch in Budapest immer rrfehr in Widerspruch zu den Bestrebungen der Partei der Kleinen Landwirte, die immer entschiedener zum Interessenvertreter des Kapitals wurde. Die Budapester Bevölkerung stand 1945 vor einem schweren Winter. Die im Herbst durch die Wahlergebnisse ermunterte Reaktion ging an der Wirtschaftsfront zum Angriff über. Der Warenmangel nahm zu, Spekulation und Inflation griffen um sich. Die Sprecher der Partei der Kleinen Landwirte im Munizipalausschuß gaben von den Schwierigkeiten ein übertrieben dramatisches Bild. Eine der Hauptursachen für die Schwierigkeiten sahen sie in der Verletzung der Selbstverwaltung der Hauptstadt. Sie vertraten den Standpunkt, daß Budapest nur mit Hilfe ausländischen Kapitals aus dem Westen wieder auf die Beine gestellt werden könne. Die Linke — vor allem die Kommunisten — trat für den Wiederaufbau aus eigenen Kräften ein und schlug zur Erleichterung der Notlage die Verbesserung der Wirtschaft und die Rationalisierung der öffentlichen Verwaltung vor. Die Selbstverwaltung der Stadt kam in der ersten Periode nach der Befreiung voll und ganz zur Geltung. Das Budapester Nationalkomitee und die provisorische Stadtverwaltung erledigten mit revolutionärer Selbständigkeit die Angelegenheiten der Stadt. Die leitenden Körperschaften Budapests bestanden nahezu ausschließlich aus überzeugten Anhängern einer demokratischen Umgestaltung im Gegensatz zur Regierung, die eine breitere Koalition vertrat. Nach den Parlamentswahlen von 1945 veränderte sich die Lage. Trotz der Mehrheit der Partei der Kleinen Landwirte konnte es dank dem gemeinsamen Auftreten 66