Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)
Von der Befreiung des Landes bis zur Schaffung Groß-Budapests (1945-1950)
versuchte man, den Verwaltungsapparat zu demokratisieren. So entsandten die Nationalkomitees beziehungsweise die einzelnen Parteien ihre Delegierten in die öffentliche Verwaltung und bewirkten die Rehabilitation der Angestellten, die wegen ihrer positiven Haltung während der Revolutionen in den Jahren 1918 und 1919 vom konterrevolutionären Regime entlassen worden waren. Doch es waren ihrer wenige, und die Erledigung ihrer Angelegenheiten traf auf den Widerstand des alten Apparats. Die beachtlichsten Veränderungen in den Betrieben der Hauptstadt wurden durch die Mitarbeit der neugebildeten Arbeiterorgane, der Betriebsräte, erzielt. Viele der alten Mitarbeiter des Verwaltungsapparats wurden aufrichtige Anhänger der neuen Volksmacht. Ein bedeutender Teil suchte jedoch aus Positionsgründen Zuflucht bei den sich gerade rekonstituierenden Parteien. Im Sommer 1945 gehörten von den 50 000 Personen, die im Verwaltungsdienst der Stadt standen, die meisten der Unabhängigen Partei der Kleinen Landwirte an. Diese Partei hatte aber vor der Befreiung in Budapest und vor allem im Verwaltungsapparat kaum Einfluß gehabt. Auch die sozialdemokratische Partei verfügte über eine recht beträchtliche Zahl von Mitgliedern. Diese Partei wußte ihre vor der Befreiung in der Kommunalpolitik erworbenen Erfahrungen gut zu nutzen und führte eine entschlossene Werbekampagne bei den Werktätigen der Betriebe der Hauptstadt durch. Die Mitglieder der Kommunistischen Partei Ungarns waren in erster Linie die Fabrikarbeiter. Die Lage im Verwaltungsapparat war durch Widersprüche belastet. So bestanden Widersprüche zwischen der neuen Stadtverwaltung und den Verwaltungsbeamten alten Schlages und andererseits zwischen der politisch besonders aktiven Arbeiterklasse, die einen Großteil der Budapester Bevölkerung ausmachte, der fortschrittlichen Intelligenz und dem Kleinbürgertum und der alten Beamtenschicht. Diese Gegensätze waren in den ersten Tagen des Wiederaufbaus, im täglichen Kampf um die bloße Existenz, kaum spürbar, doch sie nahmen immer schärfere Formen an, als es zu innenpolitischen Kämpfen kam. Die Koalitionsepoche und ihre Gegensätze Im Spätsommer und Frühherbst 1945 verschärften sich die Klassengegensätze und damit auch die Gegensätze innerhalb der Koalition. Vom Mai bis September — sozusagen als Auftakt zu den Herbstwahlen — legten die bedeutendsten Parteien der Koalition auf Kongressen und Konferenzen ihre selbständigen Programme und ihre Stellungnahmen zu den Fragen, die sich nach der Befreiung ergaben, dar. Im Zeichen dieser Programme fand am 7. Oktober die erste Kraftprobe nach der Befreiung statt: die Stadtverordnetenwahlen. In den Budapester Gemeindewahlen stellten die beiden Arbeiterparteien unter der Bezeichnung Einheitsfront der Werktätigen eine Liste auf in der Hoffnung, dadurch die Stimmenmehrheit zu erhalten. Die Rechnung ging nicht ganz auf. Zwar war das Ziel fast erreicht worden: 43 Prozent der abgegebenen Stimmen entfielen auf die gemeinsame Liste der Arbeiterparteien. Die Unabhängige Partei der Kleinen Landwirte, die zum ersten Mal an Gemeindewahlen in Budapest teilnahm, erhielt 50,2 Prozent der Stimmen und damit die absolute Mehrheit. Im Munizipalausschuß verfügten die Partei der Kleinen Landwirte über 121, die beiden Arbeiterparteien über 103, die Bürgerlich Demokratische Partei über 9, die Nationale Bauernpartei über 5 und die Radikale Partei über 2 Mandate. 65