Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)

Von der Befreiung des Landes bis zur Schaffung Groß-Budapests (1945-1950)

Pest abgeschnitten worden war, bestanden in Buda zeitweilig separate Verwaltungsein­heiten. Von Februar bis April gelang es, sämtliche Leichen zu begraben und die Epidemiegefahr und den Hungertod wirksam zu bekämpfen. Nach der Enttrümmerung konnte der Verkehr in den Straßen aufgenommen werden, und auch die öffentlichen Dienste funktionierten wieder. Die von den Einheiten der Sowjetarmee gebauten Pontonbrücken schufen die Verbindung zwischen den beiden Stadtteilen. Zur Bekämpfung der drückendsten Sorge, des Lebensmittelmangels, organisierte die Kommunistische Partei Ungarns zusammen mit der Provisorischen Nationalen Regierung eine Sammlung im ganzen Land, und auch die Sowjetarmee stellte der hungernden Bevölkerung bedeutende Lebensmittellieferungen zur Verfügung. Die Provisorische Nationale Regierung ernannte auf Vorschlag der Kommu­nistischen Partei Ungarns den Kommunisten Zoltán Vas zum bevollmächtigten Regierungs­kommissar für die Versorgung Budapests. Am 4. April 1945 war die Befreiung des ganzen Landes abgeschlossen. Die Proviso­rische Nationale Regierung und auch das Parlament verlegten ihren Sitz Mitte des Monats wieder in die Hauptstadt. Auch der Transport und der Postverkehr zwischen den einzelnen Landesteilen und Budapest wurde allmählich wieder aufgenommen. Die nationalen Behörden und Institutionen, die Organe des Wirtschaftslebens, die Banken, Industrie- und Handels­unternehmen funktionierten wieder, in Budapest wurde an den Universitäten und Hoch­schulen erneut mit dem Unterricht begonnen, der Rundfunk strahlte wieder seine Sendun­gen aus. Der Philosoph Georg Lukács, der Schriftsteller György Bölöni und andere führende Persönlichkeiten des Geisteslebens kehrten nach Ungarn zurück. Béla Bartók und Attila József, der Dichter Miklós Radnóti, der Maler Gyula Derkovits und viele andere vom konterrevolutionären Regime verfolgte und inzwischen verstorbene oder ermordete Schriftsteller, Dichter und Künstler erhielten nach ihrem Tod endlich eine gebührende Anerkennung ihres Schaffens. Das aus den Trümmern erstehende Budapest wurde wieder Mittelpunkt des Landes. Am 16. Mai trat auf Vorschlag des Budapester Nationalkomitees der aus den Dele­gierten der Parteien der Ungarischen Unabhängigkeitsfront gebildete Provisorische Muni­zipalausschuß, das „Parlament“ der Hauptstadt zusammen. Im Provisorischen Munizipal­ausschuß hatten die Arbeiterparteien zusammen mit den Vertretern der Gewerkschaften die absolute Mehrheit. Die Stelle des Vorsitzenden des Ausschusses erhielt deshalb Árpád Szakasits, der Leiter der Sozialdemokratischen Partei, die des Bürgermeisters Zoltán Vas. Der Vorsitzende des Ausschusses übernahm die Funktionen, die während des konterrevolu­tionären Regimes der von der Regierung über die Selbstverwaltung der Stadt gestellte Oberbürgermeister ausgeübt hatte. Die volksdemokratische Umgestaltung brachte in der obersten Leitung der Hauptstadt bedeutende Veränderungen, doch sie vernachlässigte die unteren Ebenen. Die öffentliche Verwaltung, die der Stadtverwaltung unterstehenden Betriebe, die alte Garde in den Institutionen des kulturellen Lebens sowie des Erziehungs- und Gesundheitswesens, diese Schicht, die 25 Jahre lang im konterrevolutionären Regime ausgebildet worden war und ihm gedient hatte, wurde von der Demokratisierung kaum berührt. Das Ziel des 1945 durchgeführten Rechtfertigungsverfahrens wäre gewesen, gerade die politische Stellung­nahme dieser Schicht nach dem 1. September 1939 zu untersuchen und die Angestellten dementsprechend auszuwählen, doch es erreichte sein Ziel nicht. Auch auf andere Weise 64

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