Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)
Budapest zwischen den beiden Weltkriegen (1919-1945)
sie doch keine grundlegenden Veränderungen erzwingen. Dazu war die radikale Umgestaltung des gesamten Systems erforderlich. Zwar gab es in Ungarn ein parlamentarisches Mehrparteiensystem, in Wirklichkeit wurde aber ein Einparteiensystem angestrebt. Die Regierungspartei, immer dem Ministerpräsidenten unterstellt, verfügte im Parlament über die absolute Mehrheit. In der Budapester Stadtverwaltung hatte die Regierungspartei jedoch bis zur zweiten Hälfte der zwanziger Jahre keine direkte Vertretung, und erst Ende der dreißiger Jahre gelang es, auch in der Hauptstadt das Prinzip „eine Partei — ein Führer“ zur Geltung zu bringen. 1938 gab die Partei der Christlich-Nationalen ihre von der politischen Linie der Regierungspartei etwas abweichende Politik und ihre Selbständigkeit auf und fusionierte mit ihr. Auch die bezüglich der Hauptstadt gefaßten Gesetze sollten die relative Selbständigkeit Budapests brechen. Das von der Bethlen-Regierung erlassene Gesetz Nr. XVIII/1930 reduzierte die Zahl der gewählten Mitglieder der Generalversammlung um dreißig, und ein Teil des Geschäftsbereiches der dem Parlament ähnlichen Generalversammlung wurde ernannten Beamten übertragen. Von diesem Zeitpunkt an konnte auch der Oberbürgermeister nur unter den vom Reichsverweser aufgestellten Kandidaten gewählt werden. Das Gesetz Nr. XII/1934 der Gömbös-Regierung machte der Wählbarkeit des Oberbürgermeisters ein Ende und führte seine Ernennung ein. Die Zahl der gewählten Stadtverordneten wurde wiederum (um ein Drittel) gesenkt, und die Generalversammlung durfte keine politischen Fragen mehr behandeln. Obgleich diese Gesetze die Ausübung des geheimen Wahlrechts in Budapest nicht berührten, wurde der Wahlzensus (Schulbildung, Steuerzahlung, permanente Wohnung usw.) im Landesmaßstab überdurchschnittlich hoch geschraubt. Die Wahrung der städtischen Autonomie gegenüber der zentralen Staatsmacht entwickelte sich somit zum breiten Programm der Wahrung der Bürgerrechte. In den ersten Reihen kämpften die Sozialdemokraten und die linke Opposition. Da sich jedoch die autoritative Stellung der Regierung auch auf die Interessen der Mehrheitspartei schädlich auswirkte, unterstützte sie die Aktion bis zu einem gewissen Grade (Allianz zur Wahrung der Konstitution, 1934). Budapest im zweiten Weltkrieg Von den dreißiger Jahren an erfolgte in ganz Europa eine Verschiebung nach rechts. Dieser Prozeß wies in Ungarn vor allem in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts gefährliche Konsequenzen auf und war mit der Periode des zweiten Weltkriegs eng verbunden. Die Erstarkung der nationalsozialistischen Parteien war ein Anzeichen für diese Verschiebung. Sie konnten sich vorübergehend die soziale Unzufriedenheit der politisch ungeschulten Massen zunutze machen und gewannen beträchtlichen Einfluß in einigen Budapester Betrieben (Straßenbahnverkehrsgesellschaft). Nach den Parlamentswahlen 1939 wurde die Pfeilkreuzlerpartei die stärkste Oppositionspartei. Sie forderte die Nachahmung der Nazis, und die antisemitische Hetze war stärker als während des weißen Terrors. Die vielen großaufgezogenen Veranstaltungen des Jahres 1938 (XXXIV. Eucharistischer Weltkongreß, die Festlichkeiten anläßlich des Jubiläums der Staatsgründung König Stephans L, das Jamboree) und die infolge der Kriegsvorbereitungen anlaufende Wirt-59