Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)

Budapest zwischen den beiden Weltkriegen (1919-1945)

Produktion des Landes und der Hauptstadt immer eine wichtige Rolle gespielt. 1930 waren 34,5 Prozent der Arbeiter in handwerklichen Betrieben beschäftigt. Das Kleinbürgertum bestand nicht nur aus selbständigen Handwerkern und Kleinhändlern, sondern auch breite Beamten- und Angestelltenschichten gehörten ihm an. Es war außerordentlich hete­rogen, und seine Zusammensetzung war je nach dem Stadtbezirk unterschiedlich. Diese in ihrer sozialen Stellung und ihren politischen Ansichten so labile kleinbürgerliche Masse war dem Einfluß verschiedener Parteien zugänglich. Den Weg zu einigen Schichten des Kleinbürgertums fanden, bedingt durch die wirtschaftliche Lage, die politische Gesin­nung und die Traditionen einzelner Schichten nicht nur die Regierungspartei und die die Regierung unterstützenden Rechtsparteien, sondern auch die extrem rechte Agitation und später die Pfeilkreuzlerpartei (die offizielle ungarische faschistische Partei). Aber auch die liberalen bürgerlichen Parteien der Opposition konnten ihre Wähler vor allem aus dem Kleinbürgertum, nicht zuletzt aus den kleinbürgerlich-jüdischen Schichten, gewinnen. Die­jenigen Schichten, die in ihren Lebensbedingungen der Arbeiterschaft näher standen, orientierten sich auf die sozialdemokratische Partei. Es gab jedoch einen Grundsatz: die Mitgliedschaft von Staatsbeamten und öffentlichen Angestellten in den Parteien der Op­position war eine außergewöhnliche Seltenheit. Budapest war und blieb der Mittelpunkt des geistigen und kulturellen Lebens. Hier wirk­ten Béla Bartók und Zoltán Kodály. Der unter tragischen Umständen jung verstorbene Dichter des Proletariats, Attila József, stieg in Budapest zu den Spitzen der Weltliteratur empor. In Paris wurde der Name Gyula Illyés bekannt, der in Budapest lebte. Die Laufbahn Ernő Dohnányis und Ede Zathureczkys begann in der Budapester Musikakademie. An­läßlich des 50jährigen Jubiläums der Vereinigung von Buda und Pest wurden mehrere Ton­künstler mit der Komposition von Jubiläumswerken beauftragt. Zu diesem Anlaß kom­ponierte Béla Bartók seine Tanzsuite, Zoltán Kodály den Psalmus Hungaricus und Ernő Dohnányi die Festouvertüre, die alle am 19. November 1923 uraufgeführt wurden. Auch der Bildhauer Zsigmond Kisfaludi Strobl wirkte in Budapest. In der Hauptstadt entstanden die literarischen, künstlerischen und intellektuellen Gruppen und Tendenzen, die das geistige Leben des Landes vertraten, also auch diejenigen, die nicht der Linken angehörten, sich aber vom konterrevolutionären Regime abgewandt hatten und Kritik an ihm übten. Die Zeitschrift „Nyugat“ und ihr Anhängerkreis wie auch die von Attila József redigierte Zeitung „Szép Szó“ (Schönes Wort) hatten ihren Sitz in Buda­pest. Schließlich sahen sich auch die Dorfforscher, die sogenannten „volkstümlichen Schriftsteller“, die ihre Aufmerksamkeit auf das sozialpolitische und wirtschaftliche Elend der Bauernschaft lenkten, gezwungen, sich in Budapest zu versammeln. In der Hauptstadt begann 1925 der Ungarische Rundfunk mit seinen Sendungen. Regel­mäßig erschienen mehrere Hundert Tageszeitungen und Zeitschriften. Neben den Zeitungen der bürgerlichen Opposition wurden in Budapest „Népszava“ (Volksstimme), das Organ der Sozialdemokratischen Partei Ungarns, und auch die illegalen Publikationen der Kom­munistischen Partei Ungarns veröffentlicht. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen bildeten die Budapester Cafés und kleinen Restaurants einen organischen Bestandteil des geistigen und politischen Lebens. Die lang­atmigen Diskussionen über Kunst oder Politik wurden zum großen Teil an ihren Tischen geführt. Das Café New York (später Hungária) wurde sozusagen zu einem Begriff. Es war der Treffpunkt der Schriftsteller und Künstler. Das Literatencafé der Linken war das Café 54

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