Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)

Budapests Weg zur Großstadt (1849-1919)

Auch das Stadtbild begann sich zu wandeln. An den Stadträndern begann die Ent­wicklung von Fabrikvierteln. Die Regulierung des Donauabschnitts zwischen den Städten Buda und Pest und der Ausbau der Ufer zu Kais wurden in Angriff genommen. An den Endpunkten der Eisenbahnlinien in Pest-Buda wurden Bahnhöfe gebaut. Neue Straßen­züge entstanden, die alten wurden erneuert und die Zahl der drei- und mehrgeschossigen Häuser nahm zu. Neben dem Spätklassizismus erschienen die Romantik und der Früh­eklektizismus. 1856 wurde ein Gaswerk errichtet. In Pest, und nicht viel später (1862) auch in Buda, wurde die Gasbeleuchtung eingeführt. 1867 wurde in Pest das erste größere, vorerst provisorische Wasserwerk erbaut (Buda erhielt das Trinkwasser noch lange Zeit aus kleinen Wasserwerken). 1866 wurden die ersten Pferdebahnen dem Verkehr übergeben, 1870 eine dampfbetriebene Seilbahn zum Budaer Burgviertel eingesetzt und 1873 eine Zahnradbahn gebaut, um die Berggegend von Buda in den Verkehr der Stadt einzubeziehen. Die wachsende Stadt wurde immer mehr zur Metropole der ungarischen Kultur und der seit Ende der fünfziger Jahre immer offener gegen den Absolutismus kämpfenden nationalen Bewegung. Der ungarische Bevölkerungsteil, der in diesen Jahren das Übergewicht erlangte, wurde sogar von einem Teil des alten deutschen Bürgertums in diesem Kampf unterstützt, da die politische Abhängigkeit des Landes ihre ökonomischen Interessen beeinträchtigte. 1867 kam zwischen dem österreichischen Machtapparat und den herrschenden Klassen Ungarns ein Ausgleich zustande. Die eine Seite beabsichtigte damit die Aufhebung der Unterdrückungs- und Annektionspolitik, die andere Seite versuchte den passiven Wider­stand zu brechen. Es entstand die Österreichisch-Ungarische Monarchie. Nach dem Aus­gleich erstrebte die herrschende Klasse Ungarns sowohl aus politischen als auch aus wirtschaftlichen Gründen eine schnelle Entwicklung der Hauptstadt. Es wurde ein um­fassendes Stadtentwicklungsgesetz angenommen und zur Leitung der Stadtbauarbeiten ein von der Stadt unabhängiger, dem Ministerpräsidenten unterstellter Hauptstädtischer Rat für Öffentliche Arbeiten gebildet. Auf der Grundlage der Ergebnisse eines internatio­nalen Planwettbewerbs wurde 1872 ein umfassender Regulierungsplan für die Hauptstadt ausgearbeitet. 1872 wurden Buda, Pest und der ihnen angeschlossene Marktflecken Óbuda gesetzlich und rechtlich und 1873 auch praktisch zu einer einzigen Stadt vereinigt. Im Triumph über den Ausgleich und die Stadtvereinigung mußte die Bourgeoisie der Hauptstadt jedoch damit rechnen, daß sich infolge der Entfaltung der kapitalistischen Wirtschaft und der besonders schnellen Entwicklung der Industrie das Proletariat und mit ihm die ersten Organisationen der Budapester Arbeiterbewegung herausbildeten. 1868 wurde der Allgemeine Arbeiterverein gegründet, der die lassallesche Richtung einschlug. Jedoch gewannen bald — nicht zuletzt unter Einwirken der Pariser Kommune — die bereits auf marxistischer Grundlage stehenden Internationalisten immer mehr Einfluß. 1870 und 1871 wurden große Streiks organisiert, und in den Budapester Straßen fanden Demonstrationen statt: die Arbeiterschaft feierte die Helden der Kommune. Obwohl der von der Regierung gegen die leitenden Funktionäre des Arbeitervereines verhängte Prozeß ein Fiasko erlitt, gelang es ihr zu verhindern, daß sich der Verein zu einer wirklichen poli­tischen Partei umgestaltete. Die Regierung ließ die sich herausbildende Arbeiterpartei unverzüglich auflösen, und die Arbeiterschaft blieb noch Jahre hindurch ohne politische Organisation und Vertretung. 41

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