Budapest und Wien. Technischer Fortschritt und urbaner Aufschwung im 19. Jahrhundert - Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs 9. - Beiträge zur Stadtgeschichte 7. (Budapest - Wien, 2003)

Eva Offenthaler: Gasgebrauch und Gasversorgung in Wien

174 Während man sich in Wien noch im Versuchsstadium befand, war in anderen Städten die Gasbeleuchtung schon eingeführt worden. London verfügte 1818 bereits über ein Gasrohmetz von 105 km Länge, 1824 wurden 52 englische Städte mit Gas versorgt, und auch Paris und Hannover besaßen Gasbeleuchtung. Der Erste, der sich in Wien mit der Produktion und Lieferung von Gas beschäftigte, war Georg Pfendler, Apotheker und Doktor der Chemie. Er errichtete 1828 in seiner „Apothekerhalle“ in der Rossau eine Ölgaserzeugungsanlage, mit der er Gas aus Harz- und Rübsamenöl erzeugte, das er seinen Kunden täglich in kleinen, transportablen Behältern lieferte. Die dazu erforderlichen Apparate hatte er aus England mitgebracht. Da die Gaslieferung mittels „tragbarer Gaslampen“ umständlich war und wenig eintrug, erwog er den Bau einer Gasleitung. 1832 erhielt die von ihm gegründete „Österreichische Gesellschaft zur Beleuchtung mit Gas“ von der Niederösterreichischen Landesregierung die Bewilligung, ein Gasleitungsrohr in die Stadt Wien zu führen, 1834 erfolgte die Genehmigung des Wiener Magistrats, und im Februar 1835 konnte die vom Gaswerk in der Rossau aus in die Herrengasse führende Rohrleitung in Betrieb genommen werden. Dieser Rohrstrang wurde zum Ausgangspunkt des Wiener Gasrohmetzes. 1837 entstand eine weitere Gesellschaft, die „Gesellschaft zur Beleuchtung mit k. k. priv. verbessertem Gas (zu Fünfhaus)“, die über ein Gaswerk in Fünfhaus verfügte. Als in den Jahren 1839/40 vom Wiener Magistrat die Einführung der Straßenbeleuchtung mit Gas in Erwägung gezogen wurde, veranlasste dies die Gesellschaften, den Ausbau ihres Rohrnetzes voranzutreiben. Die „Österreichische Gesellschaft zur Beleuchtung mit Gas“ erhielt 1839 die Erlaubnis, auf dem Neuen Markt einen Beleuchtungsversuch vorzunehmen und zwei Kandelaber zu errichten. Der Versuch gelang und wurde für die Einführung von Gas in der Straßenbeleuchtung maßgebend. Schon 1838 war die erste öffentliche Gaslateme mit sechs Flammen auf dem Michaelerplatz errichtet worden, und in den nächsten Jahren erhielten weitere verkehrsreiche Plätze Gaslicht. Für die Entwicklung der Wiener Gasversorgung in den folgenden Jahrzehnten spielte die Etablierung der Imperial-Continental-Gas-Association (I.C.G.A.) mit Sitz in London eine zentrale Rolle. Aufgrund des technischen Vorsprungs in der Gaserzeugung (beim Verfahren, Kohle zu verglosen, um Gas zu erzeugen, handelt es sich um ein englisches Patent) und ihrer finanziellen Überlegenheit konnte die I.C.G.A. eine fast unumschränkte Monopolstellung erlangen. Sie erwarb das Gaswerk Fünflhaus und den Besitz der „Österreichischen Gesellschaft zur Beleuchtung mit Gas“ samt allen Rechten und übernahm im Mai 1845 die Beleuchtung der Inneren Stadt, im Februar 1852 die der ganzen Stadt. In den nächsten Jahrzehnten erbaute die I.C.G.A. die Gaswerke Erdberg, Döbling, Belvedere, Tabor, Floridsdorf und Baumgarten. 1855 erhielt sie Konkurrenz durch die „Österreichische Gasbeleuchtungs-Aktien-Gesellschaft in Wien“, die über ein Gaswerk in Gaudenzdorf verfügte (von diesem führte übrigens ein eigener, etwa 4 km langer Rohrstrang zum Hofoperntheater) und in den Jahren 1882-1884 ein weiteres Gaswerk am Wienerberg errichtete.

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