Budapest und Wien. Technischer Fortschritt und urbaner Aufschwung im 19. Jahrhundert - Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs 9. - Beiträge zur Stadtgeschichte 7. (Budapest - Wien, 2003)

Ferenc Vadas: Lebensmittelversorgung und Markthallen

151 Ferenc Vadas Lebensmittelversorgung und Markthallen Die wichtigsten Elemente der modernen Großstadtinfrastruktur sind die mit den elementaren menschlichen Bedürfnissen verknüpft. Wasserversorgung, Stadtentwässerung, Beheizung und Beleuchtung benötigen schon bei einem relativ niedrigen Stand der Urbanisierung technische Lösungen, und sie können nur mit dem ständigen Betrieb eines konsistenten Netzes, das sich über einen wesentlichen Teil der Stadt erstreckt, gelöst werden. Die Lebensmittel­versorgung dagegen stellte für lange Zeit keine solchen Anforderungen. Ihre Organisationsform blieb für Jahrtausende unverändert: Die Stadtbevölkerung wurde auf den offenen Märkten der öffentlichen Plätze mit den Produkten des Landes versorgt. Der Bedarf für die Überdachung der Verkaufsplätze bzw. für die Errichtung von Marktgebäuden kam bereits im Mittelalter auf, und in West- und Südeuropa wurden auch schon derartige Gebäude verwirklicht, sie fanden aber nicht allgemeine Verbreitung. Dazu kam es erst im Laufe des 19. Jahrhunderts, und zwar parallel zur Verbreitung des neuen Bauverfahrens mittels Eisen­konstruktionen. So entstand ein neuer Gebäudetyp der Ingenieurarchitektur: die Markthalle. Sie wurde in England verbreitet, und das System, das für den Kontinent vorbildhaft war, wurde in Frankreich um die Mitte des Jahrhunderts ausgebaut: Neben den berühmten Pariser Les halles wurden zahlreiche Detailmarkthallen errichtet, und auch viele Provinzstädte verfügten über Markthallen. In Mitteleuropa wurden das Wiener und das Berliner Hallensystem zum Richtwert. Märkte vor dem Markthallensystem In Ofen und Pest, und dann in Budapest, blieb die traditionelle Art der Lebensmittelversorgung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts allein aufrecht. In der Hauptstadt waren insgesamt 44 Märkte in Betrieb, alle von ihnen auf Straßen und Plätzen. Der Verkauf erfolgte auf primitive Weise, von einem Gestell, einer Fuhre oder - meistens - vom Boden aus, was den modernen hygienischen Ansprüchen immer weniger entsprach. Neben dem Lärm und den Verkehrsstörungen machte dieses dezentralisierte System auch die behördliche Qualitätskontrolle der Lebensmittel schwieriger. Ein zusätzliches Problem bereiteten die hohen Preise: Es herrschte allgemein die Ansicht, dass diese Form der Versorgung auch für die hohen Lebensmittelpreise verantwortlich war und dass mit der Errichtung eines Markthallensystems eine bedeutende Senkung erfolgen würde.

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