Ausstellungskatalog „Die Flucht des Zarewitsch“
Stefan Seitschek: Das Ringen um einen Ausgleich in Europa
Interessen des Reiches in Italien durchzusetzen versuchte und dabei die Unterstützung des Bruders Karl nicht oberste Priorität hatte, was wiederum die Verbündeten verärgerte, da diese hohe Kosten zu tragen hatten. Zwar konnte man zweimal Madrid erobern, musste dieses jedoch immer wieder räumen. Kriegsentscheidend war schließlich ein Ereignis in Wien, der Tod Josephs. Damit stand eine Vereinigung der spanischen Länder und jener der österreichischen Habsburgermonarchie im Raum, zudem trat Karl 1711 auch die Nachfolge seines Bruders Joseph im Reich als Kaiser an. Ein habsburgisches Machtübergewicht in Europa mit Verbindungen nach Übersee konnte aber nicht im Interesse der Seemächte liegen. Deshalb begann England erneut den Frieden zu suchen, Frankreich war nach den zahlreichen Kriegen Ludwigs XIV. finanziell erschöpft und hatte schon zuvor ein Ende der Auseinandersetzung angestrebt. Der Friede von Utrecht (1713) bedeutete einen Ausgleich der Interessen, Spanien mit den Kolonien sollte in der Hand Philipps verbleiben, dieser auf eine Nachfolge in Frankreich definitiv verzichten. Karl würde dafür spanische Besitzungen in Europa erhalten, darunter die Spanischen Niederlande, das Herzogtum Mailand, Sardinien oder Neapel. Zwar versuchte der Kaiser gemeinsam mit dem Reich den Krieg fortzusetzen, doch führten die wenig erfolgreichen Kampagnen und die Erschöpfung finanzieller Mittel schließlich zu den Frieden von Rastatt und Baden (1714), in denen man vor allem den zwischen England und Frankreich getroffenen Kompromiss bestätigte. Mit Spanien schloss Karl jedoch vorerst keinen offiziellen Frieden.31 Der Nordische Krieg (1700-1721) 1700 begann ein weiterer Konflikt im europäischen Raum, der sogenannte große Nordische Krieg (1700-1721). Schweden war Garantiemacht des Westfälischen Friedens und hatte durch Gebietszuwächse den Status einer Großmacht erreicht. Der schwedische König war über Besitzungen im Reich (z.B. Bremen, Verden, Wismar) auch Reichsstand und damit am Reichstag vertreten. Sein Übergewicht in Nordeuropa und der Ostsee sollte nun durch ein Bündnis Dänemarks, Russlands und Sachsen-Polens geschwächt werden. Karl XII. von Schweden war dieser Koalition jedoch gewachsen und betrieb die Taktik, seine Gegner einzeln zu bekämpfen: Durch sein überraschend schnelles Eingreifen in Dänemark zwang er König Friedrich IV. von Dänemark31 32 zum Aufgeben der Koalition. Als nächstes schlug er die Russen bei Narwa (1700), die Militärreformen Peters hatten noch nicht ihre Wirkung entfaltet, und der Sieg Karls mit geringem Aufwand ließ ihn diesen Gegner und sein Potenzial unterschätzen. August von Sachsen war seit 1697 auch König von Polen. Karl XII. konnte diesen vertreiben und Stanislaus Lesczynski33 als neuen König installieren (1704). Mit seinem Vordringen nach Sachsen berührte der Nordische Konflikt das Reich und drohte es, neben dem Spanischen Erbfolgekrieg, auch in diese andere große Auseinandersetzung um die Machtverhältnisse in Europa hineinzuziehen. 1706 musste August von Sachsen auf Polen im Frieden von Altranstädt verzichten. Gleichzeitig bildeten der schwedische König und seine Armee eine Bedrohung für die ohnehin an mehreren Fronten kämpfende Habsburgermonarchie. Klagen schlesischer Protestanten erreichten Karl XII., die den König von Schweden als Garanten des Westfälischen Friedens um Hilfe in Religionsangelegenheiten baten. Die Siege des Schwedenkönigs und seiner beinahe unbesiegbar scheinenden Armee hatten Eindruck hinterlassen. Trotz des Bemühens Ludwigs XIV. diesen in den Konflikt gegen den Kaiser und seine Verbündeten zu treiben, gelang es Joseph I. durch Zugeständnisse den Schwedenkönig zufrieden zu stellen. So wurde in der Konvention von Altranstädt (1707) etwa der Bau von weiteren protestantischen Kirchen in Schlesien (Gnadenkirchen) gestattet. Karl XII. wandte sich nun gegen den letzten noch verbliebenen Gegner, Zar Peter. Doch dieser hatte die Atempause genutzt. Die Russen vermieden anfangs eine größere Schlacht, die schwedische Armee konnte durch geschickte Manöver über Polen bis nach Litauen vorstoßen. Erst im Februar bezog man Winterquartiere. Nach einem harten Winter dezimiert, kam es schließlich bei Poltawa (Ukraine) zur Schlacht. Karl XII. hatte dort in dem Kosakenführer Mazepa einen Verbündeten gefunden, dessen Truppen die Verluste der schwedischen Armee auffüllen hätten sollen. Der Feldzug war für die Schweden nicht erfolgreich verlaufen, wichtige Stützpunkte konnte die russische Armee trotz des Abfalls von Mazepa halten. Karl XII. nahm wegen einer Verletzung an der Schlacht selbst nur als Zuschauer teil, die schwedischen Truppen mit ihren Führern operierten unglücklich, und den Russen unter Peter den Großen gelang es schließlich diese zu besiegen. Karl XII. flüchtete mit einem kleinen Teil seiner Truppen in das Osmanische Reich, das Gros der verbliebenen Armee kapitulierte wenig später. 31 Karl Otmar von Aretin, Kaisertradition und österreichische Großmachtpolitik (1684—1745). Stuttgart 22005 (Das Alte Reich 1648— 1806, Bd. 2), S. 97-161, 229-248; Oswald Redlich, Das Werden einer Großmacht. Österreich 1700-1740. Wien 41962, S. 1-107; Bernd Rill, Karl VI. Habsburg als barocke Großmacht. Graz-Wien-Köln 1992, S. 26-132. 32 Geb. 1671, Kg. 1699-1730. 33 1677-1766. 12