Ausstellungskatalog „Die Flucht des Zarewitsch“
Stefan Seitschek: Das Ringen um einen Ausgleich in Europa
Nach diesem Erfolg lebte die Koalition wieder neu auf und mit dem Ausklang des Spanischen Erbfolgekriegs traten dieser auch Hannover und Brandenburg-Preußen bei (1713). Karl XII. bemühte sich indes, das Osmanische Reich in einen Krieg mit Russland zu ziehen, was der schwedischen Sache nicht die erhofften Vorteile einbrachte. 1714 brach der Schwedenkönig nach Norden auf und gelangte in einem Gewaltritt nach Stralsund. Dabei hatte er Wien und damit einen Besuch beim Kaiser umgangen. In den folgenden Jahren gab es zwar weitere Rückschläge, so ging Stralsund bald verloren, doch gelang Karl XII. die Mobilisierung und Ausbildung einer neuen Armee. Friedensangebote lehnte er ab, da er nun hoffte, nach neuen Erfolgen eine bessere Verhandlungsposition zu erlangen. Beim Beobachten seiner Truppen bei einer Offensive gegen Norwegen wurde Karl XII. durch einen Kopfschuss Ende 1718 getötet. Mit ihm starb auch die treibende Kraft für die Weiterführung des Krieges. Der Frieden von Stockholm brachte Hannover 1719 Bremen und Verden, 1720 erhielt Preußen Vorpommern sowie Stettin und schließlich Zar Peter im auf Vermittlung Frankreichs geschlossenen Frieden von Nystad (1721) v.a. Livland, Estland, Ingermanland und Karelien. Letzterer hatte Mecklenburg zudem Wismar versprochen. Russland hatte damit einen festen Posten an der Ostsee und mit dem neu errichteten St. Petersburg ein neues Machtzentrum. Russland war eine Großmacht geworden. Die schwedischen Gebietsverluste im Reich und deren Übergang an Brandenburg bzw. Hannover blieben aber lange offen, da die Abtretungen ohne Absprache mit dem Kaiser getroffen wurden und eine Belehnung durch diesen notwendig war.34 Die Rolle der Hohen Pforte Der Friede von Karlowitz 1699 hatte der Habsburgermonarchie Gebietsgewinne gebracht, die Sultan Ahmed III. (1673-1736) gerne rückgängig gemacht hätte. Zuvor kam es jedoch zum Konflikt mit dem expandierenden Russland. Der seit 1709 im Osmanischen Reich weilende Karl XII. bemühte sich den Sultan zu einem Krieg gegen Russland zu bewegen, der schließlich Ende 1710 erklärt wurde. 1711 wurde die russische Armee unter Führung Peters und der Anwesenheit seiner Frau Katharina am Pruth eingeschlossen. Zuvor blieb die erhoffte große Unterstützung in der unter osmanischer Herrschaft stehenden Moldau und Walachei für den Zaren aus. Allein die Verhandlungsbereitschaft des Großwesirs rettete Peter und seine Armee unter relativ günstigen Bedingungen: Das 1696 unter schweren Verlusten von Peter eroberte Asow am Marmarameer und damit der wichtige Stützpunkt für den Aufbau einer Schwarzmeerflotte ging verloren. Zu spät erreichte Karl XII. von Schweden das Geschehen. Als er die hoffnungslos unterlegene Stellung des Zaren erkannte, versuchte er trotz des abgeschlossenen Waffenstillstands den Großwesir zur Weiterführung des Kampfes aufgrund der vorteilhaften Lage zu bewegen. Jedenfalls machte er diesem Vorwürfe, dass er bei den Verhandlungen nicht ausreichend für die schwedische Sache eingetreten war. Möglicherweise veranlasste das Ende der Unruhen in Ungarn 1711 und eine damit verbundene militärische Entlastung der Habsburgermonarchie die Friedensbereitschaft seitens des Großwesirs, zumal die Kriegsziele der Pforte erreicht waren. Peter jedenfalls wusste, dass in diesem Feldzug mit seiner Gefangennahme oder Tod sein Aufbauwerk gefährdet gewesen wäre und zog seine Lehren aus diesem militärischen Rückschlag. Nach mehreren neuerlichen Kriegserklärungen seitens der Pforte wegen Nichteinhaltung der Vereinbarungen schloss man 1713 endlich den Frieden von Adrianopel. Als nächster wandte sich Ahmed III. gegen Venedig, den Feldzug gegen dessen griechische Besitzungen führte dieser persönlich an und bald war die 1699 erlangte Peloponnes für die Hafenstadt verloren (1714). Diese Änderung der in Karlowitz (1699) getroffenen Gebietsverteilungen bewirkte jedoch den neuerlichen Konflikt mit der Habsburgermonarchie. Bereits im Jänner 1715 bat Venedig den Kaiser um Unterstützung, wobei die Lagunenstadt sich auf die Heilige Liga von 1684 berief. Im April 1716 wurde ein Bündnisvertrag mit Venedig geschlossen. Auch der Papst beteiligte sich finanziell. Noch 1716 konnte Prinz Eugen die Osmanen bei Peterwardein schlagen und im selben Jahr Temesvár erobern. Der Erfolg des Prinzen vor Belgrad 1717 führte schließlich zum Frieden von Passarowitz (1718). Dieser wurde auch von Großbritannien und den Generalstaaten vermittelt, die Interesse an einem ungestörten Orienthandel hatten. Das Osmanische Reich verlor neuerliche Gebiete an Österreich, darunter das Temesvarer Banat, die Walachei westlich der Olt und die wichtige Festung Belgrad. Zudem wurde ein Handelsvertrag geschlossen. In den nächsten Jahren bestimmten Konflikte mit Persien die osmanische Außenpolitik. Gegen das schwache persische Reich expandierte auch Peter der Große, der Gebietsgewinne bis zum Kaspischen Meer erreichte, die später wieder aufgeben werden mussten. Ahmed war 34 Andreas Kappeler, Kleine Geschichte der Ukraine. München 1994, S. 89-92; Massie, Peter (wie Anm. 1), S. 251-454, 488-516, 601- 631; Ragnhild Hatton, Georg I. Ein deutscher Kurfürst auf Englands Thron. 1982, S. 241-245, 259-267, 299 f.; Rill, Karl VI. (wie Anm. 4), S. 140-145; Reinhard Wittram, Peter I. Czar und Kaiser. 2 Bde. Göttingen 1964, hier: Bd. 1, S. 189-361. Bd. 2, S. 221-345, 406-462. 13