Architektur zwischen Kunst und Bürokratie - 125 Jahre Ringstraße

4. Lorenz Mikoletzky, Die Votivkirche

1868 waren die Türme fertig, 1872 wurde die Chorpartie vollendet, Haupt- und Querschiff erhielten die Wölbung und der Bau wurde eingedeckt (Kat. Nr. 4/4). Im Jahr darauf erfolgte die Glockenweihe. Zwanzig Jahre waren seit dem Attentat vergangen und auch der Mentor des Baues war schon sechs Jahre tot, erschossen als Kaiser von Mexiko. Die Innenausstattung (ein Extraausgabepo­sten) fehlte noch total, obwohl auch schon hier Ferstel im Sinne des „Gesamt­kunstwerkes“ Entwürfe angefertigt hatte (Kat. Nr. 4/8). Die plastische Aus­schmückung und Ausmalung der Kirche gingen Hand in Hand mit dem Bau (Kat. Nr. 4/5, 4/6). Hier arbeiteten Künstler, die auch anderweitig das Bild der Ringstraße mitprägten, wie etwa Josef Gasser, Mathias Purkarthofer und Victor Tilgner, um nur einige zu nennen, wobei letzterer das Reliefporträt Ferstels auf der Kanzel schaffen sollte. Am Tag der silbernen Hochzeit Elisabeths und Franz Josephs (24. April 1879) fand die Weihe des Baues statt, der bis dahin 2,5 Millionen Gulden mehr gekostet hatte, als ursprünglich vorgesehen war. Zahlreiche Plastiken und Glasfenster erinner(te)n an Gott, Kaiser und Vater­land. Die diversen Landespatrone an der Hauptfassade, die Wappen der Län­der und Provinzen im Langhaus, aber auch historische Familien- und einfach „Anspruchs“-Wappen sollten dem Werk die nötigen Schwerpunkte verleihen, aber doch erlangte die Votivkirche nie die Bedeutung, die etwa Mariazell hatte, das „den österreichischen Staatsgedanken mystisch verklärt und der mariani- schen Idee einbaut“ und in seiner „organischen Gewachsenheit und erlebnis­mäßigen Echtheit den stärksten Gegensatz zur Votivkirche“ bildet, „die doch in gleicher Weise ein Denkmal österreichischer Staatsmystik hätte werden sollen“. Da nützte auch nichts das „Kaiserfenster“, das Franz Joseph mit seinem Namenspatron Franziskus vor der Madonna, ferner Josef, den zweiten Patron und den Erzengel Michael, der den Drachen als Symbol der den Kaiser bedrohenden Mordgefahr zeigt und das als einziges Fenster nach der Zerstö­rung sämtlicher anderer Glasgemälde, nach 1945 rekonstruiert wurde. Im „Ferdinand-Max-Fenster“ wurde der Erzherzog mit dem Plan der Kirche gezeigt und wie er die durch Mädchengestalten allegorisierten Nationen zum Bau aufruft. Kirchliche und weltliche Ikonographie verschmolzen hier sehr stark und auch noch die neuen Fenster nach dem zweiten Weltkrieg zeigen Personen und Ereignisse aus der Geschichte Österreichs als „eines christlichen Staates“. Relativ früh war der Ruf nach einem österreichischen Pantheon, einer Wie­ner Westminster Abbey, im Zusammenhang mit der Votivkirche erklungen und als ein sichtbares (erstes und einziges) Zeichen derartiger Pläne wurde 1879 in der Taufkapelle der Sarkophag des Niklas Salm, Verteidiger Wiens gegen die Türken 1529, aufgestellt, der aus der seinerzeit aufgelassenen Dorotheerklo- sterkirche stammte. Im selben Jahr ventilierte man auch den Gedanken, die sterblichen Überreste Beethovens, Schuberts und Grillparzers aus dem eben aufgelassenen Währinger Friedhof in die neue Kirche zu überführen. Und schon sieben Jahre zuvor dachte man daran, ein zu errichtendes Tegethoff- Denkmal in die Rasenanlage vor der Votivkirche zu stellen und so eine Verbin­34

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