Architektur zwischen Kunst und Bürokratie - 125 Jahre Ringstraße

4. Lorenz Mikoletzky, Die Votivkirche

dung Monument - Gedenkraum herzustellen. Diese Idee wurde jedoch von Ferstel, der den Blick auf die Fassade freihalten wollte, abgelehnt. So steht heute der Quadembau aus grauem Leitha-Kalkstein, der zur Ver­witterung neigt, als dreischiffige Basilika mit Querhaus, Chorumgang und Kapellenkreuz, mit zwei 99 m hohen Türmen mit zierlich durchbrochenen Helmen. Im Inneren erinnern ein Altar der Mutter Gottes von Guadelupe an den kaiserlichen „Initiator“ und so manches von Ferstel entworfenes Altarge­rät (Kat. Nr. 4/7) an die Grundidee. Der Hochaltar, die unbefleckte Empfäng­nis darstellend, war ein Geschenk Pius IX. und stammt aus der päpstlichen Mosaikfabrik. Der ebenfalls in der Kirche aufgestellte Antwerpener Altar, eine flämische Schnitzarbeit aus dem 15. Jahrhundert, ist eine Schenkung Kaiser Franz Josephs. Ergänzend zum Kirchenbau errichtete Ferstel auch (auf dem heutigen Roosevelt-Platz) den Pfarrhof (Kat. Nr. 4/9). Ein letztes Mal scheinen in den neunziger Jahren Bemühungen um eine Neubelebung der Denkmalidee in Gang gekommen zu sein. 1893 wird in einem Zeitungsbericht beklagt, daß es der Votivkirche an „historischer Atmosphäre“ fehle, der man durch Installierung eines österreichischen Pantheons begegnen könne. Warum dieses Jahrzehnte alte Konzept auch später nicht verwirklicht wurde, lag sicherlich in der dauernden Krise des österreichischen Nationalbe­wußtseins. Ohne Zweifel hätte die Auswahl der Personen, die für die Errich­tung eines Monuments in Frage gekommen wären, politische Brisanz besessen und das dauernd schwelende Nationalitätenproblem zusätzlich belastet, denn die Votivkirche als Denkmal zur Errettung des Kaisers war von Anfang an ein Anliegen der Metropole gewesen. Beinahe wäre, über Wunsch eines englischen Gutsbesitzers, eine Doublette auf dessen Landsitz entstanden: zwei Votivkirchen von einem Künstler. Ferstel war nicht abgeneigt, aber verschiedenste Umstände ließen aus dem Plan nichts werden — so blieb der Wiener monumentale Sakralbau der einzige von Heinrich von Ferstel ausgeführte. QUELLEN AVA, Stadterweiterungsfonds, Sign. 23. AVA, Plansammlung, A-II-c/1. LITERATUR Heinrich von FERSTEL (1828-1883). Bauten und Projekte für Wien (= Katalog der 81. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien, Wien 1983). Michael GÖBL Die Pläne des Architekten Heinrich von Ferstel im Allgemeinen Verwal­tungsarchiv in Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38 (Wien 1985) 412 ff. und 40 (Wien 1987) 380ff.. Walter HANSEN hg. u. bearb. Das Attentat auf Se. Majestät Kaiser Franz Joseph I. am 18. Februar 1853. (Pfaffenhofen 1978). Hanns Leo MIKOLETZKY Österreich. Das entscheidende 19. Jahrhundert (Wien 1972). Lorenz MIKOLETZKY Pfarrkirche Franz von Assisi. Wien VIII Breitenfeld (Wien 1976). Kurt MOLIK-Hermann REINING-Rudolf WURZER Planung und Verwirklichung der Wiener Ringstraßenzone (= Die Wiener Ringstraße - Bild einer Epoche III/Text, Wiesbaden 1980). 35

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