Österreich und das Heilige Römische Reich

KATALOGTEIL - I. Kaiser, Könige und Landesfürsten

Marcus Schynnagl, Politisches Horoskop für das Reich zum Jahr 1491 1491 Signatur: HHStA, HS Weiß 321, fol. 254-267 Papier Bekanntlich sind schon im Alten Orient die Wissenschaften der Astronomie und Astrologie in kaum unterscheidbarer Einheit aufgetreten. Dies ändert sich auch nicht mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften im spätmittelalterlichen Europa. Im Gegenteil, - die durch den Buchdruck ermöglichte Massenproduktion von Kalendern für Jedermann brachte der Astrologie und den damit verbundenen Vorhersagen aller Art ein neues Aufgabengebiet. So wird im Allgemeinen die Zeit von 1400 bis 1650 als Höhepunkt der astrologischen Prognosenstellung angesehen. Die Bandbreite der in Handschrift oder Druck überlieferten Dokumente solcher Art reicht von weit ausholenden Prophezeiungen, über Horoskope für einzelne Persönlichkeiten, bis hin zu den jahrweise vorgelegten Vorhersagen über Wetter, Kriege, Naturkatastrophen und medizinische Ratschläge für den Hausgebrauch. Das vorliegende Dokument ist offenbar ein Unikat, das als Dedikation für Erzherzog Sigmund von Tirol abgefasst ist. Es entspricht inhaltlich aber völlig dem, was in den seit dem frühen 16. Jahrhundert üblich werdenden Kalenderschriften unter dem Begriff „Practica“, also praktische Vorschläge, angeboten wurde und bis in die neueste Zeit im so genannten Hundertjährigen Kalender in verschiedenen Varianten zu finden ist. Als Verfasser gibt sich Marcus Schynnagl zu erkennen, ein Gelehrter (dottore) der Freien Künste und besonders der Astronomie. Da die Fürsten als Vollstrecker des göttlichen Auftrages zu sehen sind, die Menschheit insgesamt zu schützen und ihr ordentliches Zusammenleben zu garantieren, will er den Fürsten im Reich und vor allem den Erzherzogen mit Hilfe der Planeten-Konstellation den vorgesehenen Ablauf des Jahres mitteilen und somit ihre Regierungstätigkeit erleichtern. Nach dem bewährten Muster der Astrologie werden in die einzelnen „Häuser“ des quadratischen Horoskop-Schemas die Reichs-Territorien, Städte, Herrscher und andere Einzelpersonen eingetragen, offenbar um für jedes angegebene Individuum das zukünftige Schicksal samt Verhaltensregeln für das kommende Jahr Vorhersagen zu können. Im Text ergeht sich Schynnagl in ausführlichen Prognosen zu einzelnen Teilgebieten. Die Sonnenfinsternis, die am 8. Mai im achten Haus eintreten wird, bedeute viel Tod und Betrübnis für die Hochgeborenen. Es folgen getrennte Vorhersagen für die Christen, Juden, Heiden, Tataren und Türken. Ferner werde es sehr viel Krieg und „Auflauf“ geben. Die weltlichen Fürsten würden mehr Glück haben als die geistlichen Fürsten. Dem Papst wird viel Ärger durch manche seiner Kardinäle vorhergesagt. Dem Kaiser wird viel Glück bei seinen Gütern versprochen, aber er werde schwere Krankheiten und „Blödigkeit“ erleiden. Dem 1/16 44

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