Ferkai András: Moderne Gebäude - Unser Budapest (Budapest, 2009)

Esszimmer kamen eher an die Nordfront, die Schlafzimmer hingegen blickten nach Südosten. Sogar aus den Wohnungen der Nebengasse bot sich ein Ausblick auf die Radialstraße. Dies alles erreichten sie dadurch, dass die Front zur Nebengasse hin nicht entlang der Straße bebaut wurde, sondern vom zweiten Stock aufwärts in 16 m Breite ein französischer Hof gestaltet wurde, der dem Haus mehr Licht verschaffte und ausserdem die Luftraumproportionen der kleinen Nebengasse verbesserte. Der moderne Ton des Hauses wird verstärkt durch die einfache Travertinverklei­dung zwischen den waagerechten Vorsätzen der Hauptfassade, den Schiebefenstern aus Stahl und den geschlossenen Erkern mit Stahlgerüst an den Ecken. Der ge­schlossene Erker wiederholt sich zu beiden Seiten des französischen Hofs in der Nebengasse. Ursprünglich gab es im Hof des Gebäudes auch ein Filmtheater, bei dessen Planung Zoltán Révész als Innenarchitekt mitgewirkt hatte. Dieses war das erste moderne Mietshaus der Hauptstadt, welches man zusammen mit einem Kino geplant hatte. (Es folgten das Átrium-Haus, II. Margit körút 55, Lajos Kozma, 1935 und das Gebäude des Lloyd - später Duna - Kinos, XIII. Hollän Ernő utca 7, Hof- stätter und Domäny, 1937). Das Simplon (später Bartók) Kino war ein eleganter Ort, hatte einen Zuschauerraum mit 630 Plätzen, mit Erkern und verborgener Beleuch­tung. Der Zuschauerraum befand sich unter der Straßenhöhe, damit die Parter­resitze und Erker am kürzesten Weg, über die Stufen eines halben Geschosses erreicht werden konnten. Die versenkte Vorhalle war mit einer konkaven Galerie versehen, um den Kellercharakter zu vermeiden. Der gemusterte Kunststein-Boden­belag, die Spiegelwände, die eingebauten Kanapees und Vitrinen der Vorhalle, der teppichbezogene Zuschauerraum gehören leider heute allesamt der Vergangenheit an. Budapest Film gab leider nach der Wende den Betrieb des Kinos auf und der neue Besitzer zerstörte das alte Interieur bis auf die kahlen Mauern - während das Gebäude zum Denkmal erklärt werden sollte. Zuerst wollt man ein Parkhaus dar­aus machen, schliesslich wurde eine Decke eingebaut und eine Bankfiliale bzw. kleinere-größere Geschäfte einquartiert. Auch das Átrium (später 1. Mai, dann wieder Atrium) Kino wurde geschlossen, dort blieben die Interieurs dank Denkmalschutz erhalten, besucht können sie jedoch nicht werden und es gibt wenig Hoffnung auf ihre Nutzung; das Lloyd-Kino funktioniert noch zur Hälfte, das Broadway-Kino (später Filmmuseum, VII. Károly körút 3/A, Ferenc Domäny, 1938) wird, mehr oder weniger sorgfältig rekonstruiert, heute als Innerstädtisches Theater genutzt. Die meisten Mietshäuser waren jedoch nicht so spektakulär. Sie waren auf engen Grundstücken zwischen Feuermauern eingezwängt gebaut, praktisch mit einer ein­zigen Fassade zur Straße hin (der Hof nur für die Bewohner sichtbar). Der Grundriss 35

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