Ferkai András: Wohnsiedlungen - Unser Budapest (Budapest, 2005)

Staatssystems und der zentralisierten Planwirtschaft. Des kalten Krieges wegen wurde jede Kraft für die Entwicklung der Schwerindustrie verwendet. Der 1948 in der Hauptstadt schön ablaufende Wohnungsbau hörte um 1950 auf und kam erst nach der Verkündigung des Programms von Imre Nagy 1953 wieder in Schwung. Angyalföld (Engelsfeld) galt der Nähe des Industriegebietes an der Váci út und von Újpest (Neupest) wegen als Arbeiterviertel, deshalb wurde seine Erschlie­ßung auch weiterhin betrieben. Die Arbeiten erfolgten jedoch nur in kleinen Schritten und in einem vom früheren abweichenden Geist. Inzwischen hatte man die Bauindustrie verstaatlicht und die freischaffenden Architekten in staatliche Planungsbüros gesteckt. Die Planwirtschaft setzte Normen und Standardpläne voraus, mit deren Ausarbeitung spezielle Planungsunternehmen beauftragt wur­den: das Büro Lakóterv (Wohnungsplan) und das Institut für Planung und Stan­dartentwicklung (TTI) erhielten landesweite Befugnis, in der Hauptstadt wirkte das Büro FŐTI-Buváti. Die Angyalfölder Bauarbeiten wurden entlang der Béke út fortgesetzt: den Bebauungsentwurf des Streifens bis zur Fiastyuk utca machte Ervin Schömer (Buväti), wobei er die siebenstöckigen Sektionen von Dezső Cserba (Lakóterv) verwendete. Das Ministerium bewilligte den Plan, für den Entwurf der Fassade der Häusergruppe wurde jedoch ein separater Wettbewerb ausgeschrieben. Halten wir nun einen Moment inne! Wie ist das möglich, daß ein Amt einen Entwurf aus ästhetischen Gründen zurückweist? Man kann sich auf Regeln, auf Kosten be­rufen, aber auf Einwände beim Stil? Ja, auch das war ein Zeichen der Änderun­gen. Die nach stalinistischem Muster aufgebaute Diktatur stellte jedes Gebiet des Lebens unter Kontrolle. Die Stilfragen wurden zur politischen Frage. 1950 hatte sich der Modernismus nur noch in der Architektur gehalten. Auf den an­deren Gebieten der Kunst hatte man die Anhänger der „dekadenten, bourgeois”. Richtungen schon verurteilt und sich zum sozialistischen Realismus bekannt. Die Architektur schien für monumentale Propaganda besonders gut geeignet, wes­halb hätte man da nicht fordern sollen, daß sie mit ihren Mitteln die Resultate des Aufbaus der neuen Gesellschaft verkünde! Die Fassade der Wohnhäuser in der Béke út war zu funktionalistisch, man erwartete von den Architekten monu­mentalere Kompositionen. „Ich halte meine eigene, mit László Tarján entwor­fene Fassade für die Schömer-Cserba Wohngebäude in der Béke út für ein verzweifeltes sozialistisch-realistisches Experiment" — schrieb nachträglich der Gewinner des Wettbewerbs Zoltán Vidos im November 1954. — „Zu unseren Gunsten muß jedoch gehalten werden, daß wir diesen Mittelakzent wenig­stens nicht durch drangehängte Dekorationselemente gebildet haben." Ihr Entwurf überschritt tatsächlich nicht die Rahmen der modernen Auffassung, er gruppierte bloß die ohnehin notwendigen Elemente (Loggien, Dachüberbau, Durch­gang mit Säulenreihe) auf solche Art, daß das ganze Gebäude zu einem riesigen 49

Next

/
Thumbnails
Contents