Faurest, Kristin: Zehn Budapester Plätze - Unser Budapest (Budapest, 2010)

Entsprechend der allgemeinen schwachen wirtschaftlichen Zustände der Nach­barschaft, gab es in den 1880er und 90er Jahren überfüllte Wohnungen um den Teleki tér herum, ganz bis in die 1920er Jahre. Mehr als ein Drittel der Bewohner lebte hier unter solchen Umständen, einschließlich in Kellerwohnungen - viel mehr als im Rest des Bezirks. Auch Analphabetismus war in dieser Gegend höher, Ende des 19. Jahrhunderts konnten hier 40% der über 10 Jahre alten Bewohner weder lesen noch schreiben. Der Teleki Markt war, wie auch seine Nachbar­schaft, nie vornehm oder luxuriös — eine Beschreibung aus dem Jahr 1913 hatte Folgendes zu sagen: „Die Ware, die dem Teleki Markt seinen besonderen Charakter gab, war Trödelware... Hier kann man alles haben, was arme Leute im Haushalt brauchen. Kleider, gesohlte Schuhe, gereinigte Hüte, Reisekoffer, Schultertücher für Frauen, handbetriebene Drehorgeln, Uhren, zusammen­klappbare Eisenbetten, Kissen, Matratzen, Krawatten und Besen - so wie in einem modernen Kaufhaus, wo alles nur Trödelware ist. Das ist der eine Teil des Teleki tér. Der andere, wohl noch wichtigere, noch interessantere ist die Börse. Das große Gebäude, wo die Händler des Teleki tér Zusammenkommen, die Sachen austauschen, die Preise hinauf- oder hinuntertreiben, unterein­ander kaufen und verkaufen, und wo es auch noch das Büfé gibt, wie bei der Aktienbörse." Die Beschreibungen des Teleki Marktes aus der Zeit des Ersten Weltkrieges sind ergreifend. Es gab keine Polizei oder Sicherheit - wie ein Zeitungartikel bemerkte — es wurden sozusagen überhaupt keine Verordnungen eingehalten. Das Obst war schmutzig, staubig, wurde billig zur Schau gestellt. Zum Essen gab es meist Mais am Kolben, in Zeitungspapier gewickeltes trocknes Brot und Langosch (ausgebackener Hefeteig). Hunderte standen herum und verzehrten ihre billige Mahlzeit. „Schon am frühen Morgen gibt es wenig Ware, wenn auch das Dorf noch aushilft, einige Bäuerinnen, einige Pferdewagen. Zu Mittag ist der Markt schon ganz leer und öde" - schrieb eine Zeitung im Jahre 1917. Ein anderer Bericht aus jener Zeit zeichnet ein noch traurigeres Bild der Zustände am Teleki Markt: „Sogar zu Friedenszeiten ist der Teleki einer der trostlosesten Plätze Budapests, doch jetzt, dass der Krieg ihm seinen eigenen traurigen Stempel aufgedrückt hat, ist der Teleki tér, trotz seinem lärmenden, lauten Markt, wahrlich ein trostloser Ort. Zwischen Zelten und Buden drängt sich eine unvorstellbare Menge von Frauen und Kindern und der arme Pester 48

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