Radek Tünde - Szilágyi-Kósa Anikó (szerk.): Wandel durch Migration - A Veszprém Megyei Levéltár kiadványai 39. (Veszprém, 2016)

1. Landschafts- und Gemeinschaftswandel als Folge von Migration - Prosser-Schell, Michael: Aufzeichnungen sagenhafter Erzählstücke durch Jenő Bonomi und Anna Loschdorfer im IVDE Freiburg. Minderheitenvolkskunde der Deutschen in Ungarn in der Zwischenkriegszeit

94 Prosser-Schell, Michael: Aufzeichnungen sagenhafter Erzählstücke sönlichkeiten und eine Rezipientengruppe gehört haben - mit anderen Worten, dass das Erzählstück jeweils ein Werk stimmlich-verbaler sowie non-verbaler, gesti-scher Kommunikation war — und ebenso ein Sozialtatbestand. Loschdorfer subsumiert diese Kulturphänomene (wie etwa sagen- und märchenhafte Erzäh­lungen, Iiedersingen, Feste-Ausüben) unter dem Sammelbegriff Unterhaltun­gen: „Unterhaltungen, [die in den] zumeist mit äußerst harter Arbeit verbrachten Alltagen des bäuerlichen Lebens“ für das „nötige Gleichgewicht“ sorgten (Loschdorfer 1935/36: 4) - hier also Schauergeschichten in einer Zeit ohne Fernsehgeräte und Schauergeschichten in einer Zeit noch ohne elektrische Wege-Beleuchtung, in der jeder Mensch vorstellungsmäßig wusste, was es auslöst, wenn man nachts beim dunklen Gehen im Wald auf Gehör verwiesen ist und Geräusche auf einen eindringen. Die hier verschriffet wiedergegebene Klangadaption des Katzentons erinnert gleichfalls daran, dass es spezialisierte Rezitatoren, dass es Erzählper­sönlichkeiten gab, die sich eigens auf die elaborierte, stimmlich-mimisch getra­gene Darbietung hin eingeübt hatten und über ein Repertoire von zahlreichen Erzählstücken verfügten.15 Von dem hier genannten Georg FIüll allein lassen sich in Bonomis Sammlung insgesamt zwölf Einzelerzählungen eruieren. Die Quintessenz eines Erzählstücks als Werk und als Sozialtatbestand besteht ja darin, dass mit dem Können und Vermögen der Erzählperson die Attraktivität und Bonität einer Erzählung steigt oder fällt (Dégh 1984; Cammann 1976/1978, Bd. I: 474, 483, Bd. II: 530, 533, Bd. III, 468-469, 476- 479; Voigt 2014) Wie bei jeder Verschriftlichung aber ist, obwohl der Personen­name der Erzähler/-innen, der „Überlieferungsträger/-innen“ literal zugeordnet blieb, der Charakter der „Sage“, die das Gesagte untrennbar mit der Person verknüpfen muss, nun weg. Die eigentümliche soziale Bindungskraff und ebenso die eigentümliche ästhetische Faszination des Erzählvorgangs (die die Aufzeichner sehr wohl kannten und die einer der Gründe ihrer umfangreichen Sammlungstätigkeit war) gehen dabei verloren. Nunmehr sind Erzähler/-in und Erzähltes getrennt, erst jetzt, materialisiert, fixiert, unflüchtig, lassen sich die Texte unter „Erzähl-Gut“, „Sagen-Schatz“ oder kulturellem „Erbe“ registrieren (Bammé 2011: 540; Ong 1987: 106). 15 Die heute vorfindliche Textmaterialaufnahme sagt indessen wenig über die tatsächli­che Erzählintensität im Kommunikationskreis der Dörfer selbst in den 1920er/1930er Jahren, oder über bestimmte, gegebenenfalls institutionalisierte Gelegenheiten, an denen die Geschichten in dieser Zeit vorgetragen worden wären — die Aufnahmeblätter geben an, dass diese Texte gegenüber den Forschern in einer bestimmten Abffagesitua- tion mitgeteilt worden sind.

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