Radek Tünde - Szilágyi-Kósa Anikó (szerk.): Wandel durch Migration - A Veszprém Megyei Levéltár kiadványai 39. (Veszprém, 2016)
1. Landschafts- und Gemeinschaftswandel als Folge von Migration - Prosser-Schell, Michael: Aufzeichnungen sagenhafter Erzählstücke durch Jenő Bonomi und Anna Loschdorfer im IVDE Freiburg. Minderheitenvolkskunde der Deutschen in Ungarn in der Zwischenkriegszeit
Prosser-Schell, Michael: Aufzeichnungen sagenhafter Erzählstücke 95 Gehen wir nun zur Betrachtung des Motivs: „Wilde Jagd“, „Wilder Jäger“, „Wildes Heer“ (alles das kommt so in den Sammlungen Bonomis und Loschdor- fers vor, proportional gesehen in sehr vielen Stücken). Bonomi hat in einem 1936 erschienenen Aufsatz dreißig Stücke aus den verschiedenen Dörfern zusammengestellt und die Motivik, die in ihnen verbalisiert wird, summierend beschrieben (Bonomi 1936). Sonach bezeichnet die „Wilde Jagd“/„Wilder Jäger“ insgesamt einen Zug von unerlösten, irrenden Seelen, die als Menschen mit schweren, sündhaften Verfehlungen Sünden beladen und/oder ohne Versorgung mit Sterbesakramenten (also ohne Übergangsritus, ohne Taufe, ohne Beichte, ohne rituellen Abschluss) den Tod gefunden hatten. Sie können deshalb nicht ruhig in die vorgesehenen Jenseits-Bereiche eingehen, sondern müssen geisterhaff-irrend in einer Zwischen-Sphäre, nicht Jenseits, nicht Diesseits-Welt, umherschweifen und machen sich den Lebenden körperlos bemerkbar. Dieses geht ja aus den beiden oben zitierten Stücken nicht ohne weiteres hervor, sondern wird erst nach systematischer Zusammenstellung und Vergleich klar. Im Wesentlichen aber entspricht Bonomis additive und synthetisierende Konklusion damit genau derjenigen für ganz Europa formulierten und überblickenden Charakteristik, die auch im jüngsten thematisch einschlägigen, mit maßgeblichem Anspruch erstellten Grundlagenbeitrag zur ,Wilden Jagd’ als kennzeichnend beschrieben ist (Kindl 2012). In der Schauer-Sage von der „Wilden Jagd“ werden zwei kulturanthropologisch zentrale Probleme codiert und zugleich durch Einholen in Erzähl-Mus- ter sozusagen populär ,erklärt’: Das eine Problem betrifft die kulturell erwirkte, angstbesetzte Ungewissheit im Zusammenhang mit einem sakramental unversorgten Tod im Wissen um den hier fehlenden Übergangsritus, der den Übergang vom Leben in den Tod sozusagen „fertigt“ und abschließt; das andere Problem betrifft die Furcht, die jemanden beim unwegsamen Gehen durch die Dunkelheit eines nächtlichen Waldes ergreift, wenn gleichzeitig Windböen in den Baumkronen ein heulendes Geräusch erzeugen. Das genau entspricht sinnlich der fürchtbesetzten Vorstellung des Umherirrens zwischen Himmel und Erde, der Vorstellung des ruhelosen Ziehenmüssens der Seele auf der Suche nach einem Ruheort, wenn sie in der Vorstellung der Lebenden weder dem Jen-seits noch dem Diesseits zugehören kann (derartige, auch legendenhafte Erzähl-motive als Ausdruck dieser Vorstellung sind übrigens, wie schon Van Gennep darlegen konnte, nicht allein an bestimmte Konfessionen oder Religionsgemein-schaften gebunden). An diesem einen Beispiel lässt sich nun aber auch exemplarisch die seinerzeitige Ambivalenz und auch die Brisanz der volkskulturell-philologischen