Radek Tünde - Szilágyi-Kósa Anikó (szerk.): Wandel durch Migration - A Veszprém Megyei Levéltár kiadványai 39. (Veszprém, 2016)
1. Landschafts- und Gemeinschaftswandel als Folge von Migration - Prosser-Schell, Michael: Aufzeichnungen sagenhafter Erzählstücke durch Jenő Bonomi und Anna Loschdorfer im IVDE Freiburg. Minderheitenvolkskunde der Deutschen in Ungarn in der Zwischenkriegszeit
90 Prosser-Schell, Michael: Aufzeichnungen sagenhafter Erzählstücke italienischen Namen seines Großvaters, eines aus Verona eingewanderten Apothekers. Dessen Sohn war ungarischer Zollbeamter geworden und hatte eine Banater ,Schwäbin“ geheiratet; die Familie wohnte in Werschetz (ung. Versec, serb. Vrsac) (Tafferner 1980: 281). Wie Bleyer also - dessen Familie ebenfalls in einem Ort, der nach 1920 nach Jugoslawien eingegliedert wurde, ansässig war,5 ging Bonomi nach Budapest, um dann an der damaligen Päzmäny-Universität Germanistik zu studieren. Im Ofener Bergland und vor allem in der noch bäuerlich geprägten Großgemeinde Wudersch/Budaörs (wenig westlich von Budapest) unternahm er umfangreiche Erhebungen und Untersuchungen, die schließlich in eine Doktorarbeit mündeten: Bonomi (1933). Eben dies, die Kultur der religiösen (Alltags-)Praxis („religiöse Volkskunde“), war ein Schwerpunkt seiner Untersuchungen, wenn man seine zahlreichen publizierten Arbeiten auch zum Wallfahrtswesen und anderen christlich-konfessionell geprägten, populären Kult- und Brauchformen sieht; daneben hat er zahlreiche sagenhafte Erzählungen aufgenommen, die weniger stark in seinen Veröffentlichungen thematisiert sind. Die Gemeinden des Ofener Berglandes behielt er ausdrücklich im Blick als gemischt-ethnisches Siedlungs- und somit gemischt-ethnisches Untersuchungsgebiet (wo Magyaren, Deutsche, Serben, Slowaken und Roma „zusammenwohnen“6 7). Über Anna Loschdorfers Lebenslauf und ihre Familienherkunft wissen wir bislang sehr wenig; sie war Gymnasialprofessorin in Budapest und hat sich in der wissenschaftlich-volkskundlichen Kulturanalyse insbesondere als Volkslied-Forscherin einen Namen gemacht (Loschdorfer 1935a; Loschdorfer 1935/ 36) '. Ihr herausragender Publikationsbeitrag in deutscher Sprache ist sicherlich derjenige über „Grundsätzliches zur Volksliedforschung in den deutschen Sprachinseln Ungarns“ (Loschdorfer 1935/36: 1—7); ebenfalls hat sie in der wissenschaftlichen Zeitschrift der Ungarischen Volkskundlichen Gesellschaft, der „Ethnographic! - Népélet“ auch in ungarischer Sprache publiziert, etwa über die Rolle deutscher („schwäbischer“) Dörfer des Bakonygebirges in der ungarischen Volkstradition (Loschdorfer 1935b). Sie plädierte für eine vollständige, systematische Erfassung der sowohl in deutscher wie in ungarischer Sprache 5 Bleyers Familie betrieb einen Bauernhof in der südlichen Batschka-Region, in Tscheb/Dunacséb, heute Celarevo/Serbien. 6 „In dieser Reihe [der Bergland-Dörfer] gibt es Gemeinden, wo Deutsche mit Ungam, Serben und Slowaken zusammenwohnen. [„Az említett községek sorában vannak olyanok is, ahol a németek magyarokkal, szerbekkel, és tótokkal laknak együtt.“] (Bonomi 1933:1) 7 Vgl. Nußbaumer (2000), dort wird Loschdorfer jedoch irrtümlich in den österreichischen Forscherinnenkreis eingereiht.