Szemészet, 1910 (47. évfolyam, 1-4. szám)
1910-05-08 / 1. szám
90 allen Kennzeichen, die auf unmittelbar zerstörende, von den Trachomparasiten ausgehende Einflüsse hinweisen würden. Worin besteht denn nun, wie man sich fragen wird, die Erkrankung des Epithels beim Trachom? Denn das hier abnorme Verhältnisse vorliegen, lassen schon die Epithelabstriche erkennen; das leichteste Herüberstreichen mit den hiefür gebräuchlichen Gegenständen genügt, um im Gegensatz zu den meisten anderen Konjunktivalerkrankungen, eine Unmenge von Epithelien abzustreifen. Es ist auch allen Ophthalmologen bekannt, in wie hohem Masse das Epithel bei einem länger bestehenden Trachom leidet. Wie kommt nun die Erkrankung des Epithels zustande, wenn nun die Organismen des Trachoms selbst keine der sonst unter dem Einfluss speziell bakterieller Noxen zu beobachtenden Schädigungen hervorrufen ? Hiebei kommen nun verschiedene Möglichkeiten in Betracht. 1. Das Epithel erkrankt unter dem Einfluss von Sekundärinfektionen. Besonders von v. Prowazek ist darauf hingewiesen, dass es sich bei der hier in Betracht kommenden Gruppe von Krankheitserregern (Vaccine, Scharlach) sehr oft um Mischinfektionen handelt. 2. Es leidet das auf der Oberfläche, bezw. Kuppe der Follikel befindliche Epithel. Wir sehen hier in der Tat das Epithel in hohem Masse aufgelockert, von weiten Spalten durchsetzt, welche von Lymphe und massenhaften Exsudatzellen erfüllt sind, Wenn nun auch dieser Zustand, der einer Spongiose (Unna) des Konjunktivalepithels in typischer Weise gleichkommt, einer Abwehrmassregel des Organismus entspricht, indem der kräftig bis zur Oberfläche vordringende Lymphstrom im Verein mit den mitgeführten Phagocyten energisch unter den im Epithel vorhandenen Noxen aufräumt, so ist es doch klar, dass hiedurch auch die aus ihrem Zusammenhang und von ihrer Unterlage losgerissenen Epithelzellen in Mitleidenschaft gezogen werden, B. Das Epithel erfährt eine hochgradige Ernährungsstörung durch die im Narbenstadium zum Abschluss gelangende Umwandlung des normalen retikulären, bezw. lymphadenoiden subkonjunktivalen Bindegewebes in derbes, saftarmes, sklerotisches Bindegewebe. Wir sehen hier das Epithel atrophisch, oft bis auf eine einzige Schicht reduziert. Um der gänzlichen Vertrocknung infolge der durch die Verödung der drüsigen Elemente noch beförderten Saftarmut zu entgehen, wird das Epithel epidermisähnlich (xerotisch). Alle diese bisher aufgeführten Momente würden jedoch noch nicht genügen, um beim Trachom von einer spezifischen Erkrankung des Epithels sprechen zu können, und ist man daher genötigt, noch auf eine weitere, bisher noch nicht erörterte, den speziellen Verhältnissen Rechnung tragende Möglichkeit zu rekurrieren. Es ist nämlich durchaus wahrscheinlich, dass auch ohme mikroskopisch sich verratende Zeichen der Degeneration durch die Invasion und Entwickelung der Trachomparasiten eine Verkürzung der Lebensdauer der infizierten Wirtszelle herbeigeführt, die physiologische Involution derselben teils unter den Einfluss irritativer (Doppelkerne!) Momente, teils durch die anhaltende Entziehung lebenswichtiger Zellbestandteile beschleunigt wird. Es wird dies ganz besonders der Fall sein, wenn man noch folgende, nach Lage der Verhältnisse durchaus im Bereich der Wahrscheinlichkeit liegende Eventualität in Betracht zieht.