Die Erste internationale Jagd-Ausstellung Wien, 1910. Wien-Leipzig, 1912 / Sz.Zs. 424
II. TEIL. Die Ausstellung und das Jagdwesen - III. ABSCHNITT. Die Jagd in ihren Beziehungen zu Handel und Verkehr, zu Industrie, Kunst und Gewerbe
Die Architektur de r Erften Internationalen Jagdausftellung Wien 1910. exe Die Architektur der Erften Internationalen Jagdausftellung Wien 1910. Von Ferdinand Fellner Ritter von Feldegg. E s kann nicht bezweifelt werden, daß das Problem der Ausftellungsarcbitektur einen Widerfprucb in ficb birgt, der tief in deffen Wefen begründet ift. Alles, was Ausftellung beißt, ift ephemer: Es dient vorübergebenden Zwecken, bat eine beitimmte, weiter oder enger begrenzte Zeitftrecke zu cbarakterifieren und verfebwindet vom Erdboden in dem Augenblicke, als das allgemeine Intereffe daran gefättigt ift. Alles, was Architektur beißt, ift dagegen monumental: Es liegt im Wefen der Baukunft, die Jahrhunderte zu überdauern, ftandzubalten inmitten der allgemeinen Flut des Lebens, bleibend zu fein im Wecbfel der Zeiten. Aus diefem Widerfprucb folgt, daß die Architektur, in den Dienft einer Ausftellung geftellt, auf das ihr Wefentlicbe von vorneherein verzichten muß: Auf die Monumentalität im Sinne der Unvergänglicbkeit. Holz, Mörtel, Eifen — das find die Materialien, zu deren Verwendung ficb hier die Baukunft fcblecbterdings bequemen muß. Und Stein ift es, in dem fie von alters her zu reden gewöhnt ift und ftets reden möchte. Saxa loquuntur! Zwar hat man mehrfach verfuebt, den Widerfprucb dadurch zu löfen, daß man ihn verheimlicht bat. Man bat Paläfte gebaut, die im Innern eitel Zimmerwerk waren. Man bat das »echte« Material gefälfebt, indem man das »unechte« verkleidet bat. Man hat fozufagen Stein gemimt und aus Holz war der Dichtung Inhalt. Aber die Lüge wurde fcbließlicb unerträglich, zumal unferer Zeit, die erkannt bat, daß auch die Kunft im tiefften Grunde auf der Wahrheit ruht. Und fo kam man denn dazu, den Schein, die Täufcbung, möglichft zu vermeiden und offen einzubekennen, daß eine Ausftellung bloß vorübergehenden Zwecken dient, daß an ihr gerade das »echt« ift, was man vordem als »unecht« zu verbergen bemüht war, daß ihr proviforifeber Charakter, weit entfernt »ftillos« zu fein, eben das Wefentlicbe des Ausftellungsftiles ift, daß, mit einem Worte, die Sache umgekehrt angefaßt werden muß, foll fie unfer äftbetifebes Gefühl nicht verleben, fondern zufriedenftellen. Unfere unvergeßliche Weltausftellung des Jahres 1873 ftand noch ganz unter dem Einfluffe der älteren Auffaffung vom Ausftellungsitil. Und fie muß, von diefem Standpunkte betrachtet, fogar als eine großartige Tat bezeichnet werden. Ja, wenn man erwägt, daß einzelne ihrer Bauten bis auf den beutigen Tag fteben geblieben find und bleiben konnten, muß ihr felbft im Sinne der modernen Auffaffung ein gewiffer äftbetifeber Wert zugefproeben werden. Seither galt es denn auch als felbftverftändlicb, daß jede halbwegs bedeutendere Wiener Ausftellung ficb an die Fragmente, die monumentalen Überrefte der Weltausftellung anfchloß und fie gleicbfam in der Erinnerung wieder erweckte. Aber eben das — war ein Verhängnis! Nicht allein, daß die beiden Stilauffaffungen, die ältere, der die Weltausftellung noch bedingungslos untergeordnet war, und die neuere, die ficb mittlerweile herangebildet hatte, miteinander in Widerfprucb fteben, auch die arebitektonifebe Wucht des mächtigen Rotundenbaues erdrückt erbarmungslos alles, was im Bannkreis eines Kilometers ficb daneben zu erbeben erkühnt. An dem Riefenmaßftabe der Rotunde gemeffen, werden felbft ganz refpektable Baumaffen zu bloßen Häuseben, ob fie ficb nun noch fo ftrecken und nach Großartigkeit febreien oder, was klüger ift, in einen ernften Wettkampf mit der Nachbarin gar nicht einlaffen. Die Rotunde bleibt die überragende Dominante jeder ficb an fie fcbließenden Ausftellung: Das ift das ftrenge Machtwort, das über alle Wiener Ausheilungen feit 1873 gebietet! Das ift es auch, was ihnen die Freiheit individueller Entfaltung raubte, was fie dem Zwang derfelben, immer wiederkehrenden Scbematik unterwarf, was fie — verglichen mit Ausheilungen anderer Städte — untereinander fo gleichförmig erfebeinen ließ. Was nun im befonderen die Wiener Jagdausftellung anbelangt, fo muß feftgeftellt werden, daß fie anfänglich keineswegs in der Rotunde und deren Umgebung geplant war, fondern mitten im Grünen, in der Nähe der Kaifer Jofefsbrücke im Prater. Der leider fo früh verftorbene Chefarchitekt, Baurat Décfey, hatte das in diefer Abficbt ausgearbeitete Projekt fcbon in der erften Sitjung des vorbereitenden Komitees diefer Ausftellung, welche Ende Mai 1905 im Palais Trauttmansdorff ftattfand, vorgelegt. Aus mehreren Gründen kam jedoch diefes Projekt nicht zuftande, fondern es mußte für die Jagdausftellung das Ausftellungsterritorium einfcbließlicb der Rotunde in Anfprucb genommen werden. Auch für diefen Fall hatte Décfey fcbon in jener erften Sitjung ein Alternativprojekt ausgearbeitet. 159