Die Erste internationale Jagd-Ausstellung Wien, 1910. Wien-Leipzig, 1912 / Sz.Zs. 424
II. TEIL. Die Ausstellung und das Jagdwesen - III. ABSCHNITT. Die Jagd in ihren Beziehungen zu Handel und Verkehr, zu Industrie, Kunst und Gewerbe
Die Architektur der Erften Internationalen Jagdausftellung Wien 1910. exe Bald aber ftellte fich das Ausftellungsterritorium als zu beengt dar. Der nördlich desfelben gelegene Raum befindet fich nämlich in feften Händen, ift überdies vom Hauptterritorium durch eine öffentliche Straße getrennt und fchließlich konnten auch die dort befindlichen Bauten nicht abgetragen werden, weil die Aus* ftellungsunternebmung über die hierzu erforderlichen Mittel nicht verfügte. Es wurde fonacb um die Überlaffung des angrenzenden, vor dem Südportale gelegenen Terrains angefucht, welcher Bitte denn auch feitens des Oberfthofmeifteramtes willfahrt wurde. Dem »Banne der Rotunde« war alfo folcberart auch die Jagdausftellung von 1910 unterworfen, und es war geradezu ein Gebot architektonifcher Notwendigkeit, fich diefer Abhängigkeit voll bewußt zu werden. Der Gefamtplan lag »im Schatten« diefes Riefenbaues. Höchftens einzelnes konnte fich »ein Plätzchen an der Sonne« erobern, und wir müffen es als einen feinen Zug feiner großen Gefchicklichkeit anerkennen, daß es dem leitenden Architekten gelungen ift, uns mit iolchen Einzelheiten überhaupt zu erfreuen. Schon der Gefamtplan der Jagdausftellung zeigte völlige Abhängigkeit vom Rotundenbaue. Zwei Parallelftraßen beberrfcbten ihn, von denen die eine, die Feftftraße, zum Weftportal der Rotunde führte, während die zweite, »Ernährungsavenue«, mit der Südfront der Rotunde in gleicher Flucht lag. Die dritte Hauptlinie des Planes, die Kaiferallee, die übrigens in gleicher Weife auf den Rotundenbau bezogen war, bildete mit ihren Bauten einen ganz felbftändigen Komplex, der fich dem übrigen, bei weitem größeren Teile der Ausftellung organifch eigentlich nicht angliederte. Zwifchen diefen vier Ausftellungsteilen lag eine Fülle der mannigfachften Bauwerke, angefangen beim »Ausftellungspalafte« alten Stils bis zur kleinften Hütte volkstümlicher, bodenftändiger Bauweife. In diefem Kunterbunt, in diefer reichen Abwechslung beftand zweifellos die Hauptanziehungskraft der Ausftellung in baulicher Beziehung. Die Vielheit der Formen konnte man in drei große, voneinander trennbare Hauptgruppen teilen: In die der Nachbildung bodenftändiger Bauten, in eine Übergangsgruppe und in die der eigentlichen Ausftellungsbauten. Kein Zweifel, daß das Intereffe und die Sympathie des Publikums fich vorwiegend der erften Gruppe zuwandte. Kein Zweifel und auch kein Wunder. Befaßen doch die bodenftändigen Bauten, in der Art der herrfchaftlichen Jagdhäufer, den ganzen Reiz volkstümlicher Weifen, waren fie doch mehrfach — wie z. B. an erfter Stelle das kaiferliche Jagdfchloß in Mürzfteg — vom vollen Zauber hiftorifcher Wertigkeit umfloffen. Und auch künftlerifch ftanden fie an der Spitje, denn fie waren »echt« vom Sockel bis zum Firft. Freilich, auf den Boden einer »internationalen Ausftellung« verpflanzt, trugen fie im Grunde den Charakter bloßer Schauftücke; aber die überaus gefchickte, durch kluge Ausnütjung der fie umgebenden Natur, des herrlichen alten Baumfcbmuckes noch unterftütjte Lage, die ihnen der leitende Architekt zu geben verftand, täufchte den Befucher glücklich über ihre gleichfam nur tbeatralifcbe Exiftenz hinweg und ließ fie ihn als volle Wirklichkeit empfinden. Am nächften ftand diefer Gruppe von Bauten die Übergangsgruppe, die, in ihrer äußeren Erfcbeinung aus dem Scbatje bodenftändiger Bauweife gefchöpft, dennoch unmittelbar dem Zwecke der Ausftellung untergeordnet war. Und diefe Gruppe umfaßte alle nationalen Pavillons. Das war ja wohl der größte Vorzug unferer Ausftellung, daß fich beinahe jede der beteiligten Nationen, einer Idee des Chefarchitekten folgend, in der ihr eigentümlichen Stilverfion ausfprach: England, Frankreich, Deutfchland, Ungarn, Norwegen, Schweden, Italien rangen auf diefem Gebiete faft mit dem gleichen Erfolge um die Palme. Und auch der Gefamtftaat ÖfterreidvUngarn ftellte fich mit feinem bosnifch-herzegowiniichen Pavillon, der als Sommerfitj eines hervorragenden Begs in der Nähe von Sarajevo gedacht war, würdig an ihre Seite. Die dritte Gruppe, die der Ausftellungsbauten im engeren Sinne, verzichtete naturgemäß von vorneherein auf den Anfpruch nationaler Eigenart. Vergeffen wir in diefer Hinficht nicht, daß uns Öfterreichern ein nationaler Stil ja gänzlich fehlt. Vergeffen wir auch nicht, daß in diefen Bauten alle die verfchiedenen Völker unteres Staates zu gemeinfamem Zwecke einander die Hände reichten. Vergeffen wir fchließlich nicht, daß die heutige Architektur an und für fich unter dem Einfluffe internationaler, kosmopolitiicber Anfchauungen fteht. So kam es denn ganz von felbft, daß einerfeits die architektonifche Tradition, anderfeits der Einfcblag moderner Empfindungsweife diefe Bautengruppe künftlerifch beftimmte. Im Geifte der Ausftellungstradition war zunächft das Öfterreichifche Reichsbaus erbaut. Urfprünglicb beftand die Abficht, ihm die Geftalt eines altadeligen Jagdfitses zu geben. Allein die große Anzahl der nötigen Räume, die die Beteiligung der einzelnen Ländergebiete erforderte, vereitelte diefe Abficht und zwang dazu, diefes Gebäude als eine Art Mufeum durchzuführen. Im Geifte der Ausftellungstradition war ferner die Kunfthalle, fowie noch manch kleineres Objekt erbaut; einen Übergang zur Moderne offenbarten das Haus für Kunftgewerbe mit feinem reizenden Anbau »Scbloßkapelle«, der Fremdenverkehrspalaft, die Bauten für biftjorifcbe und exotifche Jagd, die Trophäenballe und einzelnes andere. Dagegen ftand der Pavillon des Landes Niederöfterreich für Gewerbeförderung ganz im Zeichen der Moderne, indem in feiner Architektur alles vermieden war, was ihm den Charakter »fteinerner Tragik« verlieben hätte. Nicht vergeffen darf neben den eigentlichen Ausftellungsbauten auch der zahlreichen, dem geiftigen Ausruhen und der körperlichen Erfrifchung gewidmeten Objekte werden, die die Jagdausftellung nicht 160