Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Andrea Komlosy: Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“

Andrea Komlosy das Committee of European Economic Cooperation (CEEC), die Organisation der europäischen Empfängerstaaten der Marshallplan-Hilfe, Vorläufer der 1948 gegründeten OEEC; im März 1948 in die International Trade Organisation (ITO); ebenfalls im März 1948 in das Internationale Weizenabkommen, im August 1948 in Weltbank und Internationalen Währungsfonds, im Oktober 1948 in die Bank für internationalen Zahlungsausgleich; dem General Agreement on Tariffs and Trade (GATT) trat Österreich 1951 bei.54 Gleichzeitig erfolgte eine Elinwendung zum westeuropäischen Markt: gegenüber 1937, als die Einfuhren aus diesem Raum zwei Fünftel des österreichischen Imports ausmachten, war dieser Anteil 1957 auf zwei Drittel gestiegen; bei den Exporten erfolgte die Steigerung von 52,4 auf 64 Prozent.55 Die Eingliederung in die militärischen Strukturen des Westens erfolgte auf Grund der gemeinsamen Oberhoheit des Alliierten Rats über Österreich nur indirekt, im Geheimen bzw. gegen Protest der Sowjetunion. Seit 1951 war in den westlichen Besatzungszonen mit der so genannten B-Gendarmerie eine militärische Einheit installiert worden, die mit den Abwehrsystemen und Geheimdiensten der USA kooperierte; geheime Verträge sorgten dafür, dass diese Kooperation nach 1955 vom österreichischen Bundesheer fortgefuhrt wurde.56 Österreich als Mittler zwischen West und Ost Die Einigung der Besatzungsmächte auf einen Staatsvertrag erfolgte erst, als Österreichs Westorientierung in wirtschaftlicher Hinsicht durch die Teilnahme am Marshallplan und in militärischer Hinsicht durch die Eingliederung in die militärischen Strukturen des Westens hinlänglich festgeschrieben war.57 Dass die Sowjetunion dem Staatsvertrag unter diesen Bedingungen zustimmte, hängt mit ihrem Interesse an einem blockfreien und damit in beide Richtungen handlungsfähigen Nachbar an der Schnittstelle der Systeme zusammen. Denn der Kompromiss basierte auf einer österreichischen Besonderheit im bipolaren Nachkriegseuropa: der hauptsächlich im Interesse der Sowjetunion zu Stande 4 Hofbauer: Westwärts, S. 77 ff, 106, 113. 55 Grossendorfer, Enno: Österreichs Außenhandel 1831-1978. ln: Geschichte und Ergebnisse der zentralen amtlichen Statistik in Österreich 1829-1979 (= Beiträge zur Österreichischen Statistik Heft 550). Wien 1979, S. 637. 56 Ardelt, Rudolf G. - Haas, Hanns: Die Westintegration Österreichs nach 1945. ln: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft 3 (1975), S. 396; Wolker, Hans: Schatten über Österreich. Das Bundesheer und seine geheimen Dienste. Wien 1993, S. 25 f; Stifter, Christian: Die Wiederaufrüstung Österreichs. Die geheime Remilitarisierung der westlichen Besatzungszonen 1945-1955 (= Wiener zeitgeschichtliche Studien Bd. 1. Innsbruck-Wien 1997). 57 Zu den Staatsvertragsverhandlungen vgl. Ardelt - Haas: Westintegration, S. 379-399; vgl. auch Steininger, Rolf: Der Staatsvertrag. Österreich im Schatten der Deutschen Frage und des Kalten Krieges 1938-1945. Innsbruck 2004. 86

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