Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Andrea Komlosy: Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“

kam in Umstrukturierungsmaßnahmen auf mehreren Ebenen zum Ausdruck. Als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise wurden die Rationalisierung der Produktion in Angriff genommen, das Kreditvolumen ausgeweitet und kostengünstigere Produktionsstandorte in Billiglohnländem erschlossen. Für die westlichen Industrieländer eröffnete die Umstrukturierung den Übergang von der industriellen Massenproduktion auf wissensbasierte Wirtschaftszweige; Industriearbeit wurde in zunehmendem Maße ausgelagert. Während in Ländern der Dritten Welt die Standortketten von multinationalen Konzernen kontrolliert wurden, fand die Auftragsfertigung in den realsozialistischen Ländern in Staatsbetrieben statt, die Kooperationen und Joint Ventures mit westlichen Unternehmen eingingen. In beiden Fällen war der Aufbau von industriellen Kapazitäten mit Investitionen verbunden, die mit der Vergabe von Krediten einhergingen. Die Ostblockstaaten erhofften durch den Import von westlicher Technologie und Know-how eine Strukturverbesserung ihrer Wirtschaft, die auf Grund des Planungsmechanismus an innere Grenzen gestoßen war. Statt dem gewünschten Anschluss brachte die Öffnung nach Westen jedoch neue Beschränkungen mit sich. Einerseits war der Import von Technologien durch die COCOM-Ausfuhrbeschränkungen stark behindert; wenn die nachholende Entwicklung gelang, fand sie in Branchen statt, die längst nicht mehr zu den dynamischsten zählten; auf Grund der geringen Wertschöpfung sowie von Importbarrieren des Westens gelang es nicht, die aufgenommenen Kredite zurückzuzahlen; dies legte - im Verein mit der Anhebung des Dollarzinssatzes an der Wende von den 1970er zu den 1980er Jahren - den Grundstein für die Schuldenkrise, die schließlich zum Systemwandel führte. Die in den 1970er Jahren in sämtlichen Ostblockstaaten, wenn auch in unterschiedlicher Intensität, beobachtbare wirtschaftliche Öffnung für Handel, Untemehmens- kooperationen und Kredite ging für den Osten nicht auf; auch im Süden erwies sich die Neue Internationale Arbeitsteilung, wie die Neuordnung der Produktions­standorte im Weltmaßstab damals genannt wurde, als nicht geeignet, die Entwicklungsunterschiede einzuebnen. Für die entwickelte westliche Welt hingegen erwiesen sich digitale Revolution, Intemationalisierung der Finanzmärkte und Globalisierung der Produktion als Instrumente der Krisenüberwindung. Allerdings fand auch hier mit dem Übergang vom Wiederaufbauzyklus zum Krisen­management des globalisierten Kapitalismus ein Systemwandel vom keynesianisch- wohlfahrtsstaatlichen Modell zur neoliberalen Strukturanpassung statt. Die Reintegration des Ostblocks in die Weltwirtschaft Dieses Kapitel zeigt die Zunahme der wirtschaftlichen Verflechtung zwischen Ost und West am Beispiel des Handels, der Untemehmenskooperationen und der Verschuldung auf. Der Beginn dieser Kooperation kann in die 1960er Jahre datiert werden, allerdings auf äußerst niedrigem Niveau. Eine neue quantitative Österreichs Brückentunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“ 75

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