Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Andrea Komlosy: Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“

Andrea Komlosy Ausweitung fand in den 1970er Jahren statt.7 * Der „Eiserne Vorhang“ stellte für diese Verflechtung keine undurchlässige Barriere dar. Er setzte ihr allerdings fallweise Grenzen und sorgte für Bedingungen, die die Kapitalakkumulation behinderten. Andererseits bewirkte er, dass die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Ostens den Westen nicht tangierten; durch Elandel und Untemehmenskooperation erhielten Unternehmen aus dem Westen jedoch zunehmend Zugriff auf die billigen osteuropäischen Arbeitskräfte, ohne für deren Absicherung Verantwortung übernehmen zu müssen. Die osteuropäischen Staaten nahmen am Marktöffnungsprozess in unter­schiedlichem Ausmaß und in unterschiedlichen Bereichen teil. Der Ost-West- Handel der sechs osteuropäischen Staaten erlebte zwischen 1960 und 1980 eine Ausweitung um das 13-fache bei den Exporten und um das 15-fache bei den Importen.s In der Warenstruktur der Exporte spiegelt sich die Verfügbarkeit von Rohstoffen, der unterschiedliche Stand der Industrialisierung bzw. der Spezialisierung auf hochwertige Exportgüter wider. Während in der DDR, der CSSR und Polen Maschinen und Ausrüstungsgüter die Exporte dominierten, waren die ungarischen und bulgarischen Ausfuhren stärker von Nahrungsmitteln bestimmt. In Polen und Rumänien wiederum spielten Rohstoffe und Baumaterialen eine große Rolle.9 Vorreiter in der Ausweitung von Handelsbeziehungen mit dem Westen stellten die Polen, Ungarn und Rumänen dar, im Mittelfeld lag die Tschechoslowakei, das Schlusslicht bildete Bulgarien; einen Sonderfall bildete die DDR mit ihren engen Handelsverflechtungen zur BRD. Die Ausweitung der Handelstätigkeit war für die osteuropäischen Staaten und die Sowjetunion damit verbunden, dass sich ihre Außenhandelsbilanz mit den OECD-Staaten verschlechterte. Das gesamte Handelsbilanzdefizit für Osteuropa (ohne UdSSR) kumulierte zwischen 1960 und 1980 von minus 168 auf minus 49 000 Millionen US-Dollar, das heißt auf das 290-fache.10 Neben dem Handel spielte seit den 1970er Jahren die Untemehmenskooperation eine entscheidende Rolle bei der Intensivierung der Ost-West-Kontakte. Darunter fiel ein breites Spektrum von Aktivitäten, die sowohl mit osteuropäischen 7 Frank, Andre Gunder: Long Live Transideological Enterprise! The Socialist Economies in the Capitalist International Division of Labor. In: Review Fernand Braudel Center I, 1, Summer 1977, S. 91-140. K Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche [in Hinkunft: W11W], Comecon Data 1981, Eastern Europe and USSR: Exports, Imports and Trade Balances with the Industrialized West, 1960-1980. 9 WIIW, Comecon Data 1981, Eastern Europe and USSR: Exports and Imports by Commodity Groups, 1960-1980. 10 WIIW, Comecon Data 1981, Eastern Europe and USSR: Cumulated Trade Balances with the Industrialized West, 1960-1980. 76

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