Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Christoph Boyer: Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Österreich und der Sowjetischen Besatzungszone in Deutschland (SBZ) bzw. der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) (1945-1989/90)

Christoph Boyer RGW-Ländem „im Normalfall“ angeht, solche Bruchlinien in einem gewissen Ausmaß überwölbt haben. Im hier untersuchten speziellen Fall der DDR hingegen verkomplizierten der deutsch-deutsche Konflikt und die Konkurrenz der beiden deutschen Staaten in Wirtschaft und Politik die Beziehungen zu Österreich. Dies galt, obwohl Österreich, ungeachtet der Neutralität, politisch wie ökonomisch eindeutig zum Westen gehörte und seine Grundsatzentscheidung zwischen Ost- und Westdeutschland längst getroffen hatte. Weil die Bundesrepublik für Österreich der größere und ökonomisch bei weitem wichtigere und attraktivere Partner war, musste die Republik bei der Ausgestaltung ihrer Wirtschaftsbeziehungen zur DDR zu jeder Zeit westdeutsche Interessen und Empfindlichkeiten ins Kalkül ziehen. Die Integration der Republik in die Europäische (Wirtschafts-) Gemeinschaft Schritt für Schritt war, viertens, ein, die ostdeutsch-österreichischen Wirtschaftsbeziehungen immer stärker irritierender Faktor. 2. Vor diesem Flintergrund skizziert die vorliegende Studie die Haupttendenzen der österreichisch-ostdeutschen Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem Zusammenbruch der DDR 1989/90. Die Periodisierung kann in etwa den Dekaden folgen: die Vierziger- und Fünfzigerjahre (I), die Sechzigerjahre (II) und die Siebziger- und Achtzigerjahre (III) waren durch je unterschiedliche wirtschaftliche und politische Konstellationen charakterisiert; von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wurden die bilateralen Beziehungen auf ein je neues Niveau gehoben, elaboriert und auf eine breitere Grundlage gestellt; die prinzipiellen, aus dem Konflikt der Systeme resultierenden Gräben zu überwinden gelang natürlich nicht. Die Studie fokussiert auf die Handelsbeziehungen und die industrielle Kooperation; andere Elemente und Aspekte - etwa die Finanzbeziehungen, die wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit etc. — kommen von Fall zu Fall, als „Nebenumstände“, in den Blick. Eine gewisse Einseitigkeit der Untersuchung liegt in dem Umstand, dass ihre archivalische Unterfutterung sich, zumindest derzeit, auf die Akten der SBZ/DDR-Seite (im Bundesarchiv Berlin) beschränken muss. Die vorläufige Analyse wäre mit den Materialien der österreichischen Seite anzureichern, überhaupt aus dem österreichischen Blickwinkel zu vervollständigen. I. Die Vierziger- und Fünfzigerjahre 1. Nach dem Zweiten Weltkrieg bewirkten der US-amerikanische Einfluss und das European Recovery Program eine gewisse Umorientierung der österreichischen Außenwirtschaftsbeziehungen; Österreich wandte sich von seinen „natürlichen“ Handelspartnern in Ostmittel- und Südosteuropa ab.' Der österreichische 1 Bundesarchiv Berlin [in Hinkunft: BArch-B], DL 200, 3, BArch-B, DL 200, 3, Voranalyse Österreich, 30.11.1953. 166

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