Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Roman Stolzlechner: Österreichs Wirtschaftsbeziehungen mit der DDR und die Bedeutung der KPÖ-Firmen

Österreichs Wirtschaftsbeziehungen mit der DDR und die Bedeutung der KPÖ-Firmen Außenhandelsministerium gegründet, um möglichst viele Devisen mit Geschäften außerhalb des Planes zu erwirtschaften. Initiator Alexander Schalck-Golodkowski baute den Bereich Anfang der 70er Jahre aus und stärkte damit auch seine Position im DDR-Herrschaftsgefüge. Die KoKo diente auch dazu, auf westlichen Verbotslisten flir den Export in die Ostblockstaaten (COCOM) stehende Technologiegüter illegal oder legal zu beschaffen. Know-how sollte vom Westen mit zum Teil konspirativen Mitteln beschafft werden, weil die Ausrüstungen teilweise unter einem Embargo standen. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre wurden ungefähr acht Prozent der Anlageinvestitionen und Technologieimporte über die KoKo abgewickelt. In den 80er Jahren nahm der außerplanmäßige Handel, d. h. vor allem die von der KoKo vollzogenen Geschäfte, sehr stark zu. Hatten sie 1976 noch einen Anteil von weniger als 18 Prozent am gesamten Außenhandelsumsatz im nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet, so stieg er bis 1984 auf den Maximalwert von 44 Prozent." Alles, was sich schnell zu Devisen machen lies, wurde exportiert: Waffen, politische Häftlinge, Pflastersteine usw. Während des Iran-Irak-Krieges lieferte die DDR an beide Seiten und versorgte in Nicaragua Sandinisten und Contras mit Waffen.11 12 Der Beitrag der KoKo zur wirtschaftlichen Modernisierung war dennoch bescheiden, da der Erwerb von westlicher Technologie nicht durch eine ökonomische Strukturreform ergänzt wurde. Die Gier nach Devisen führte überdies dazu, dass es zu Exporten mit nachteiligen Effekten kam. Die oben erwähnten stark angehobenen Fleischexporte nach Österreich (und in andere westliche Staaten) am Anfang der 80er Jahre führten z. B. zu drastischen Versorgungsengpässen und Dezimierungen des Tierbestandes. Ein Jahr zuvor, 1978, übernahm Rudolfine Steindling die Geschäftsführung der Firma Novum und wurde bald darauf die Finanzreferentin der KPÖ-Firmengruppe. Der Handel zwischen Österreich und der DDR wies gegen Ende der 70er Jahre enorme Wachstumsraten auf. Gleichzeitig wurde die Firma Novum in dieser Zeit zu einer Goldgrube für die KPÖ. Historisch relevanter ist aber zweifelsohne die Frage, ob die KPÖ-Treuhänder in dieser Zeit einen wichtigen Beitrag zur Intensivierung des Handels geleistet haben. Jedenfalls dürften in den Achtzigerjahren 50 bis 60 Prozent des Handels zwischen den beiden Volkswirtschaften (Gesamtumfang: zwischen drei bis fünf Milliarden Valutamark) über die von KPÖ-nahen Treuhändern mit österreichischer Staatsbürgerschaft geleitete Firma Novum abgewickelt worden sein. Zwischen der KoKo und dem Wirtschaftsapparat der KPÖ gab es enge Beziehungen (Intrac, Mineral-Metall-Chemiehandel, Immobilien). Rudolfine Steindling, die KPÖ-Auslandsfinanzreferentin nach dem Abgang von Jenö Desser, hatte gute Kontakte zu Alexander Schalck-Golodkowski und den Wirtschaftseliten der SED, wie etwa Günter Mittag und den Außenhandelsminister 11 St ein er : Von Plan zu Plan, S. 201. 12 Sohn , Susanne: Das Tabu einer Partei, ln: Profil, Nr. 52 vom 21.12.1992. 161

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