Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)
Roman Stolzlechner: Österreichs Wirtschaftsbeziehungen mit der DDR und die Bedeutung der KPÖ-Firmen
Roman Stolzlechner Herbert Beil. Auf Grund ihrer ebenso guten Kontakte zu Vertretern der österreichischen Wirtschaft, z. B. zum Präsidenten der Bundeswirtschaftskammer Rudolf Sallinger, war sie informiert über die jeweils aktuellen wirtschaftlichen Interessen beider Seiten. Unter ihrer Leitung wurde die DDR der mit Abstand wichtigste Handelspartner des KPÖ-Firmengeflechts.13 Günstig auf die Handelsbeziehungen zwischen Österreich und der DDR wirkte sich wahrscheinlich auch aus, dass die Beziehungen der beiden deutschen Staaten 1980/1981 in eine Krise geraten waren. In dieser gespannten Atmosphäre besuchte Erich Honecker zum ersten Mal ein westliches Land: Österreich. Schon zuvor, 1978/79, hatte die SED-Führung über den weiteren Ausbau des Eisenhüttenkombinats Ost (EKO) entschieden. Der Mangel an Know-how machte sich dort im Laufe der Zeit immer stärker bemerkbar. Das fehlende Know-how musste im „NSW“, dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet, eingekauft werden. Man entschied sich für einen österreichischen Betrieb. Österreich erhielt somit einen Auftrag für die wirtschaftlich angeschlagene VOEST: Dem Bandstahlkombinat „Hermann Matern“ in Eisenhüttenstadt sollte der österreichische Konzern ein komplettes Konverterstahlwerk liefern. Der Auftrag wurde im Wert von 1,7 Milliarden DM bzw. zwölf Milliarden ÖS am 12. November 1980, während Honeckers Österreich-Aufenthaltes, paraphiert. Der westdeutsche Krupp-Konzern, der sich auch beworben hatte, ging leer aus. Das „Handelsblatt“ mutmaßte damals, die Vergabe nach Österreich könne „nur politische Gründe haben“. Von 1980 bis 1984 wurde das Konverterstahlwerk errichtet. Die österreichischen Exporte in die DDR sind nach Fertigstellung der Großprojekte (z. B. des Konvertstahlwerkes in Eisenhüttenstadt) in den Jahren 1985 und 1986 stark zurückgegangen. Nur im Bereich Maschinen und Verkehrsmittel wurde 1986 noch eine bemerkenswerte Exportsteigerung (+156 Prozent) verzeichnet (Arbeitsmaschinen für den Hoch und Tiefbau, Büro- und EDV- Maschinen, elektrische Maschinen). Verglichen mit 1983 waren die Gesamtausfuhren in die DDR 1986 allerdings um rund 45 Prozent geringer. Der Handelsbilanzüberschuss schrumpfte von 4,3 auf 1,4 Mrd. S. Die zunehmend BRD- orientierte Außenpolitik der späten Honeckerära schlug sich Mitte der Achzigerjahre in einem Rückgang des Handelsvolumens der DDR mit Österreich um 25 Prozent nieder. 1987 lag in der Statistik Österreich aber immer noch hinter der BRD und vor Frankreich an zweiter Stelle im Export. 1988 sind die Ostblockländer wesentlich abhängiger vom Ost-West-Handel als die westlichen Industrieländer. Das gilt insbesondere für die DDR, wenn man den 11 11 Reichmann, Hannes: Geldwäsche und Veruntreuung, ln: Wochenpresse Nr. 3, 1993. 162