Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Gertrude Enderle-Burcel: Josef Dobretsberger - ein politischer Grenzgänger im Ost-West-Handel

Josef Dobretsberger - ein politischer Grenzgänger im Ost-West-Handel „Beobachter“ teilnehmen zu lassen.59 Im Ministerium verhielt man sich aber ablehnend. Der Russland-Referent war „verhindert“, selbst an der Vorbesprechung zur Moskauer Konferenz teilzunehmen. Vom Ministerium wurde die Teilnahme von Beamten an Veranstaltungen, die nicht rein wirtschaftlicher Art seien, als „äußerst problematisch“ eingestuft. An der ablehnenden Haltung des Handelsministeriums änderte auch ein gewisses Interesse von Seiten des Bundeskanzleramtes/Auswärtige Angelegenheiten, der USIA60 und verschiedenen österreichischen Firmen, die am Osthandel interessiert waren, nichts. Auch ein „gewisses Interesse bei manchen Kammer-Beamten“ brachte kein Umdenken im Ministerium, das nur ein „sowjetisches Propagandamanöver“ erwartete.61 Das Misstrauen offizieller österreichischer Stellen entsprach dem üblichen Agieren in Zeiten des Kalten Krieges. Den Ankündigungen von Josef Dobretsberger, dass die Zusammenkunft von Wirtschaftsvertretern und Fachleuten der „erste Auftakt“ zur Überwindung der Spaltung zwischen Ost und West bilden sollte, wurde im österreichischen Handelsministerium kein Glauben geschenkt, ln den folgenden Jahren lassen sich keine Kontakte zwischen Dobretsberger oder dem Büro für den Ost-West-Handel mit dem Ministerium nachweisen. International wurden aber von der Moskauer Wirtschaftskonferenz durchaus praktische Ergebnisse erwartet. Das Initiativkomitee in Kopenhagen hatte beschlossen und versichert, dass die Diskussion auf der Konferenz ausschließlich auf Fragen der friedlichen wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Ländern verschiedener wirtschaftlicher und sozialer Systeme gerichtet sein soll und alle politischen Auseinandersetzungen und Gegenüberstellungen ausgeschlossen sein sollen.62 Der Einladung Dobretsbergers zur Vorbereitungsveranstaltung für Moskau waren rund 150 Wirtschaftstreibende der Maschinen-, Elektro-, Papier-, Stein- und Transportindustrie sowie Vertreter des Gewerbes und der Wissenschaft gefolgt. Fünf Personen wurden für die österreichische Delegation ausgewählt. An der Spitze stand Josef Dobretsberger in seiner Funktion als Wirtschaftswissenschafter und nicht als Obmann der Demokratischen Union. Weitere Delegationsmitglieder waren Ing. Egon Strager, Alleininhaber der Firma M.A.W. Maschinen-, Apparate- und Werkzeugfabrik, Wien; Julius Schachner, Zwim-Knopffabrikant und Landwirt, Weitra und Wien; Fritz Machalitzky, Export-Import, Bezirksobmann des österreichischen Wirtschaftsbundes und Generalvorstand der Tiroler 59 AdR, Bundesministerium für Handel und Wiederaufbau [in Hinkunft: BMHuW], 402/2-4, GZ1. 130 225/52, ZI. 136 462/IV/28/1952 Moskauer Wirtschaftskonferenz. 60 USIA - „Uprawlenye Sowjetskogo Imuschtschestwa w Awstrii (Verwaltung sowjetischen Eigentums in Österreich) 61 AdR, BMHuW 402/2-4, GZ1. 130 225/1952, ZI. 133 646-IV/28/1952 Internationale Wirtschaftskonferenz in Moskau. 62 Mitteilungen des Vorbereitungsausschusses für die internationale Wirtschaftskonferenz, Moskau 3.-10. April 1952, Jänner 1952. Liegt im AdR, BMHuW 402/2-4, GZI. 130 225/1952, ZI. 133 646- IV/28/52 Internationale Wirtschaftskonferenz in Moskau. 141

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