Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)
Gertrude Enderle-Burcel: Josef Dobretsberger - ein politischer Grenzgänger im Ost-West-Handel
Gertrude Enderle-Burcel Handelskammer, Innsbruck; Gemeinderat Josef Wagenhofer, Sägewerk, Kaufhaus, Futtermittelimport, Gleinstetten im Sulmtal, Steiermark. Die Delegation war zwar nicht sehr hochrangig, doch ist es bemerkenswert, dass nicht nur der Osten Österreichs an einem Ausbau des Osthandels interessiert war.61 Die Wirtschafts Vertreter erwarteten von der Konferenz eine Belebung des Osthandels Österreichs, der durch Marshallplan und Embargopolitik zurückgegangen war - eine internationale Tendenz, die den gesamten Ost-West-Handel betraf. Die Vorüberlegungen zur Moskauer Wirtschaftskonferenz hatten nicht zufällig 1951 begonnen, das Jahr, in dem mit dem so genannten Battlè Act der Höhepunkt der Beschränkungen der Ausfuhr in die kommunistischen Länder durch die USA gesetzt wurde.* * 64 Die USA boykottierten dementsprechend auch die Moskauer Konferenz. Trotzdem hatten aber auch sechs amerikanische Industrielle teilgenommen, die von Moskau direkt nach China weiterreisten. Den wirtschaftlichen Hauptnutzen von der Konferenz scheint Großbritannien gehabt zu haben, das mit einer dreißigköpfigen Delegation in Moskau vertreten war. Der Führer der britischen Delegation, Lord Boyd Orr65, hatte sich in seinem Referat deutlich gegen den Handelsboykott ausgesprochen. Großbritannien hatte in Moskau die höchsten Geschäftsabschlüsse erzielt. Auch mit China kam es zu Abschlüssen. Österreich hingegen „ohne Auftrag und Vollmacht“, mit einem Handelsminister, der noch Mitte März in einer Rundfunkrede „eine Teilnahme an der Moskauer Wirtschaftskonferenz als nutzlos hingestellt“ hatte, erreichte ohne die Unterstützung offizieller Stellen nur bescheidene Erfolge. Es wurden Abschlüsse in einer Größenordnung von 300 Millionen Schilling getätigt. Die ursprünglichen Erwartungen - konkrete langfristige Handelsverträge, multilaterale statt bilaterale Clearingverträge und eine Zahlungsabkommen mit den Oststaaten sowie Reiseerleichterungen — hatten sich ebenso wenig erfüllt wie die Erwartungen der Oststaaten. Sie hatten die Beseitigung der Diskriminierung im internationalen Wirtschaftsleben, den Abschluss langfristiger Wirtschaftsabkommen und Erleichterungen bei der Abwicklung des Handelsverkehrs erhofft.66 65 AdR, BMHuW 402/2-4, GZ1 130 225/52, ZI. 140 284/1V/28/1952 Moskauer Wirtschaftskonferenz 1952. 64 Adler-Karlsson, Gunnar: Der Fehlschlag. Zwanzig Jahre Wirtschaftskrieg zwischen Ost und West. Wien-Frankfurt-Zürich 1971, S. 18 f. 65 Lord John Boyd Orr (23. September 1880 Kilmaurs/Schottland bis 25. Juni 1971 Newton b. Brechin), Mediziner, ab 1942 Professor in Glasgow, arbeitete Uber Ernährungsfragen bei zunehmenden Bevölkerungsmassen, 1945 Generaldirektor des Welternährungsamtes der Vereinten Nationen, erhielt 1949 den Friedens-Nobelpreis. 66 Mitteilungen des Vorbereitungsausschusses für die internationale Wirtschaftskonferenz Moskau, 3.-10. April 1952, Nummer 3, Februar 1952 „Die Zusammenkunft österreichischer Interessenten an der Moskauer Weltwirtschaftskonferenz'1 AdR, BMHuW 402/2-4, GZ1. 130 225/52, ZI. 136 462/IV/28/1952 Moskauer Weltwirtschaftskonferenz. 142