Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Gertrude Enderle-Burcel: Josef Dobretsberger - ein politischer Grenzgänger im Ost-West-Handel

- womit der Staatsvertrag gemeint war.9 1949 gab es im Zusammenhang mit den Wahlen wieder ein neues Partei­programm, das die Handschrift des neuen Parteiobmanns Josef Dobretsberger trug. Im Vorwort zum Parteiprogramm wurde „grundsätzliche Kritik an der politischen Entwicklung der ersten vier Jahre der Zweiten Republik geübt“. Das Schlagwort „Diktatur durch zwei“ wird 1949 zum Wahlkampfthema. Kritisiert wurde haupt­sächlich die Wirtschaftspolitik, aber auch die Außenpolitik sowie Militarismus und mangelnde Demokratie.10 11 Die Ursache für die Missstände wurde in der zunehmenden Westintegration Österreichs gesehen." Die Kritik an der Wirtschafts­politik bedeutete Kritik an den Währungsmaßnahmen, der Budgetpolitik, der Steuerpolitik sowie der Lohn-Preis-Abkommen und gipfelte in der Kritik an der wirtschaftlichen Eingliederung Österreichs in den Westen. Damit wurde auch der Marshallplan zunehmend einer grundsätzlichen Kritik unterzogen. Auch bei dieser Kritik trafen sich die Vorstellungen der KPÖ mit jenen von Josef Dobretsberger.12 Das Wirtschaftskonzept der Demokratischen Union - d. h. die wirtschafts­politischen Vorstellungen Dobretsbergers - sah Mischwirtschaft, staatliche Kredit­lenkung, Hartwährungspolitik und Budgetkonsolidierung vor. Bei der Außen­handelspolitik war schon 1948 - also noch bevor Dobretsberger eine führende Rolle in der Demokratischen Union eingenommen hatte - der Ausbau des Osthandels im Zusammenhang mit der Neutralität gesehen worden. Zu den „natürlichen Absatz­gebieten“ der österreichischen Wirtschaft gehörten nicht nur Amerika und die Weststaaten, sondern auch Osteuropa, der Balkan, die Sowjetunion, der mittlere Osten und die Überseegebiete.13 Im Parteiorgan der Demokratischen Union gab es eine eigene Seite für den „Ost-West-Handel“. Mit der Schwerpunktsetzung Osthandel und Neutralität, die sich mit Josef Dobretsberger an der Spitze der Partei noch verstärkte, rückte die Demokratische Union in die Nähe des Parteiprogramms der KPÖ, zu der Dobretsberger eine durchaus differenzierte Haltung hatte. Auch sein Beitritt zum Österreichischen Friedensrat 1950 war Teil seines komplexen Verhältnisses zur KPÖ. Der Friedensrat war als Teil der Weltfriedensbewegung entstanden, die von Moskau und den nationalen kommunistischen Parteien initiiert wurde. Obwohl dieser Bewegung viele prominente katholische, sozialistische und parteilose Einzelpersonen beitraten,14 unterstellten ÖVP- und SPÖ-Kreise Josef Dobretsberger - ein politischer Grenzgänger im Ost-West-Handel 9 Kleine Zeitung, 3. September 1949, S. 3. 10 Vgl. dazu A u t en gru ber : Kleinparteien, S. 133-137. 11 Ardelt, Rudolf G. - Haas, Hanns: Die Westintegration Österreichs nach 1945. ln: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, 4. Jahrgang, 75/3, S. 379. 12 Hofbauer, Hannes: Zur Westintegration Österreichs nach den beiden Weltkriegen. Ein wirtschaftshistorischer Beitrag, Diss. Wien 1988, S. 316. 13 Was wir wo 11 en . Das Rahmenprogramm der Demokratischen Union. Wien 1949, S 14. 14 Hofbauer, Hannes - Komlosy, Andrea: Zur Geschichte der Friedensbewegung nach 1945. ln: Wissenschaft für den Frieden, Zeitschrift für Hochschuldidaktik, Beiträge zu Studium, Wissenschaft und Beruf, Nr. 2-3, 1984, S. 339. 133

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