Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Gertrude Enderle-Burcel: Josef Dobretsberger - ein politischer Grenzgänger im Ost-West-Handel

Gertrude Enderle-Burcel Dobretsberger eine starke KPÖ-Nähe. Wie schon in der 1. Republik erschienen auch nach 1945 kritische Artikel über ihn in der Arbeiter-Zeitung, u. a. mit der Überschrift „Der Schuschnigg-Minister als kommunistischer Propagandaredner“.15 Josef Dobretsberger Josef Dobretsberger war in jeder Hinsicht ein Grenzgänger. Er lässt sich weder als Professor für Nationalökonomie in eine „der wohlbekannten Schulen der Nationalökonomie“ einordnen,16 noch lässt er sich einer politischen Partei zuordnen. Seine Bedeutung als Wissenschafter ist kaum bestritten. Eduard März würdigte sein umfassendes Werk unter Angabe einer Auswahlbibliographie. Eine umfassende Auseinandersetzung mit seinen wissenschaftlichen Leistungen steht allerdings noch aus. Ins Kreuzfeuer der Kritik geriet Dobretsberger durch sein politisches Engagement. Er stellte seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in den Dienst recht unterschiedlicher politischer Richtungen. 1903 in Linz geboren, studierte er Rechts­und Staatswissenschaften an der Universität Wien. 1925 wurde er Assistent bei den Universitätsprofessoren Hans Kelsenl7und Adolf Menzel.18 * 1929 habilitierte er sich für Volkswirtschaftslehre sowie für Volkswirtschaftspolitik und wurde Privatdozent für Volkswirtschaftslehre. Dobretsberger publizierte auch zu sozialen und soziologischen Fragen. 1934 wurde er ordentlicher Professor für Nationalökonomie an der Universität Graz. Seine Forschungsschwerpunkte lagen im Bereich der Wirtschaftswissenschaften, wo er zu Münz-, Geld- und Kreditwesen publizierte. Durch Studienaufenthalte in Köln kam Dobretsberger mit Rheinlandkatholiken, bzw. mit Persönlichkeiten der deutschen Zentrumspartei in Kontakt. 1929/1930 begannen seine Verbindungen zur christlich-sozialen Partei in Österreich. Seine Verankerung im christlich-sozialen Lager hatte auch seine akademische Karriere beschleunigt, u. a. war er Mitglied des Cartellverbandes der katholisch österreichischen Studentenverbindungen. Im Austrofaschismus hatte er nicht unbedeutende Funktionen inne. Er war Mitglied der Landesleitung der 15 Arbeiter-Zeitung, 8. Februar 1951, S. 2 „Aus den Betrieben, Der Schuschnigg-Minister als kommunistischer Propagandaredner“. 16 März, Eduard: Der Österreicher Dobretsberger. Zu seinem fast unbemerktem 65. Geburtstag am 28. Februar 1968. In: Neues Forum XV, 171-172, März/April 1968, S. 257. 17 Hans Kelsen (11. Oktober 1881 Prag bis 19. April 1973 Berkeley/USA), Staats- und Verwaltungs­rechtler, Rechtsphilosoph, Schöpfer der österreichischen Bundesverfassung, Begründer der „reinen Rechtslehre“, führender Vertreter des Rechtspositivismus. 18 Adolf Menzel (9. Juli 1857 Reichenberg (Liberec/Böhmen) bis 12. August 1938 Wien), Staats­und Verwaltungsrechtler, widmete sich ab 1894 ausschließlich den philosophischen und historischen Grenzgebieten der allgemeinen Staatslehre und den Problemen der Soziologie, entwickelte eine „energetische“ Staatslehre, stets auf Empirie autbauend, beschäftigte er sich meist mit aktuellen Themen. 134

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