Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)
Maren Seliger: KPÖ-Firmen und Osthandel 1945-1989. Rahmenbedingungen und einige Aspekte der Außenhandelspraxis
KPÖ-Firmen und Osthandel 1945-1989 5.2. Geschäftsumfang und Anteil am Osthandel Umsatzschätzungen für die KP-Handelsfirmen bewegen sich in Milliarden ATS, für 1987 findet sich die Angabe von 10 Milliarden ATS - Schätzungen, die sich zum Teil auf Angaben im Handelsregister/Firmenbuch stützen, wobei aber nicht nachvollziehbar ist, ob damit alle Firmen des KP-Netzwerkes berücksichtigt wurden.55 D. h. es ist derzeit nicht möglich, den Umfang der Osthandelsgeschäfte bzw. den Anteil der KP-Firmen am gesamten Osthandel zu quantifizieren. Festzustehen scheint hingegen, dass die Treuhandfirmen als Ganzes betrachtet zu keinem Zeitpunkt des hier untersuchten Zeitraumes einen gravierenden Einbruch in ihren Geschäftsbeziehungen erfahren haben. Für den Zeitraum bis 1955 wird ihnen eine dominierende Rolle im österreichischen Osthandel zugeschrieben, zum Teil sogar mit Monopolcharakter. Dies galt offenbar für die Handelsbeziehungen mit der SBZ/DDR, und Branchen bezogen zum Beispiel mit Polen.56 Eine 1948 von privaten Importfirmen der Lebensmittelbranche gegründete Import-Vereinigung, an der auch das Landwirtschafts- und das Handelsministerium beteiligt gewesen sein sollen, bediente sich der KP-Vermittlerfirmen und unterstrich deren Bedeutung in dieser Phase des Osthandels.57 Für die Zeit nach 1955 gewann der Osthandel allmählich einen höheren Anteil am österreichischen Außenhandel, was auch die ungünstige Entwicklung der Handelsund Zahlungsbilanz Österreichs nahe legte. Es galt, weniger aus dem Dollarraum zu importieren und zum anderen Absatzmärkte für österreichische Fertigprodukte zu finden, die im Westen auf Qualitätsprobleme stießen.58 Es ist also davon auszugehen, dass die KP-Firmen durch vermehrtes Auftreten anderer Firmen bzw. auch durch verstärkte Neigung der Länder des Ostblocks, sich anderer Partner zu bedienen, stärkere Konkurrenz erhielten. Dennoch scheinen sich Privatwirtschaft, Verstaatlichte und sogar der österreichische Staat der Vermittlungstätigkeit der KP- Firmen weiterhin bedient zu haben. Dies ist u. a. aus der Rede von FPÖ-Klubobmann Gredler im Nationalrat am 6.12.1961 zu schließen: Das Bemühen, andere Handelswege zu gehen, scheint mir nicht oder kaum vorhanden zu sein. Sicherlich mag die verstaatlichte Industrie da und dort unter Zwang stehen. Aber es ist für den Osthandel und seinen Ausbau bedauerlich, wenn etwa die Stahl- und 55 Muzik-Schano: Das Wirtschaftsimperium der KPÖ, S. 80. Muzik: Die Strohmänner der KPÖ, S. 308 f. Worm: Schuld und Sühne, 24 f. Abentheuer, Karl - Reichmann, Hannes: Die Geschäfte der KPÖ. Warum der kommunistische Zehn-Milliarden-Treuhandkonzem seine Erfinder überleben wird, ln: Wochenpresse Nr. 13/28.3.1991, S. 49-52. 56 M e i s e 1 : Die Mauer im Kopf, S. 145 f. Gredler: Rede 6.12.1961, S. 3 677 f. Hinweise aus dem Gespräch mit Kurt Menasse vom 4.6.2003. 57 Information aus den Gesprächen mit Oskar Rosenstrauch vom 11.6.2003 und 23.6.2004. 58 Der Österreichische Volkswirt Nr. 46/18.11.1955, S. 7. Die Presse Nr. 2 116/9.10.1955, S. 12. 121