Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Wolfgang König: Mit der Eisenbahn auf den Gipfel des Matterhoms

Mil der Eisenbahn auf den Gipfel des Matterhoms Gottestempels empordringen werden, mit priesterlichem Herzen dem Allmächtigen befehlen, in froher Zuversicht, dass sein Wohlgefallen darauf ruhen werde.'4 Außer als besonders zu bewahrende Schöpfung Gottes interpretierte der Heimatschutz die Berge als nationales Symbol: Der stolze Geist der Berge hat unsere Freiheit gegründet. Zwischen ihr, die wir uns mit allen Mitteln erhalten wollen, und dem granitenen Wall, der unser kleines Volk beschützt, besteht ein inniger Zusammenhang.14 15 Gegen den touristischen Ansturm aus aller Herren Länder gelte es, die Schweizer Gipfel zu schützen. In der Diktion des Zürcher Romanisten Emest Bovet,16 der für den Heimatschutz die Stellungnahmen gegen die Bergbahnen formulierte: Das Hochgebirge ist uns ein Sinnbild der Willenskraft, der Freiheit; es ist uns ein Heiligtum. [...] Wenn ich unsere Berge betrachte, dann verstehe ich den Rütlischwur, und Morgarten, und Sempach.17 Damit fuhren die Heimatschützer das schwerste in der Schweiz zur Verfügung stehende symbolische Geschütz gegen die Bahnen auf. Sie stellten die Berge und insbesondere das Matterhorn als nationale Symbole in einen Zusammenhang mit den Gründungsmythen der Eidgenossenschaft, mit dem Rütli-Schwur und mit den Schlachten gegen die Habsburger. Die Berge - so die geschaffene Verbindung - hätten die Schweizer und ihren Freiheitswillen mit geformt und dazu beigetragen, die Freiheit der Eidgenossenschaft zu bewahren. Aus einer solchen Betrachtungsweise ließ sich leicht eine argumentative Waffe gegen den modernen Tourismus schmieden, den die Heimatschützer als “Überfremdung” empfanden und einzuschränken suchten. Die Bergbahnen lieferten die Schweizer Berge, die Symbole der Freiheit, an die ausländischen Touristen aus; die Fremdherrschaft kehrte zurück - nicht mit der Waffe in der Hand, sondern mit der prallen Börse in der Tasche. Der Heimatschutz fasste keine präzisen allgemeinen Beschlüsse zu den Bergbahnen. Tendenziell war man jedoch der Meinung, dass es in der Schweiz ohnehin schon zu viele davon gäbe. Nach einer weit verbreiteten Auffassung waren vier Gruppen von Bahnen zu unterscheiden: Legitim seien durch Täler verlaufende Verbindungsbahnen 14 Zitiert nach Rubi, Rudolf: Der Sommer- und Winterkurort Straßen und Bahnen, Wintersport. Grindelwald 1987 (Im Tal von Grindelwald. Bilder aus seiner Geschichte 3), S. 50. 15 BA E 53/6:371, o. D., Eingabe des Heimatschutzes gegen die Matterhombahn. 16 Büttiker, Georges: Emest Bovet 1870-1941. Basel-Stuttgart 1971 (Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft 122). 17 Bovet, Emest: Heimatschutz und Bergbahnen, ln: Beilage zu Heimatschutz 7 (1912), Heft 9, S. 27­48. 81

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