Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Barbara Schmucki: Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse
Barbara Schmucki zwischen männlichen Besatzern und Frauen auch die Arbeitsbedingungen von Schaffnerinnen und die Reisebedingungen weiblicher Fahrgästen aufs Stärkste beeinflussten. Eine Schaffnerin aus München berichtete 1947: „Im Wageninnem musste ich mir wiederholte Male gefallen lassen, dass die Amerikaner die Schuhe an meinen Kleidern fest abstreiften, sowie auch bei Fahrgästen.“17 Und im August 1947 wurden in Dresden sieben Fälle von betrunkenen Amerikanern gemeldet, die weibliche Fahrgäste von ihren Sitzen gerissen hätten.18 * * Diese Zitate weisen darauf hin, dass der Zweite Weltkrieg und die Krisenzeit unmittelbar danach nicht nur eine Zeit der systematischen Zerstörung von Verkehrssystemen durch Bombardierungen war, sondern auch eine Zeit, anhand welcher die „gendered nature“, die durch Geschlechterverhältnisse geprägte „Natur“ des öffentlichen Verkehrs, analysiert werden kann. In den 1980er Jahren wurde die Sicherheit von Frauen im öffentlichen Verkehr erstmals von Verkehrswissenschaftlem und Verkehrswissenschaftlerinnen sowie in der Öffentlichkeit wahrgenommen und thematisiert. Besonders die seit den 70er Jahren gebauten U-Bahnen galten nun (anders als in den 60em) nicht mehr nur als das Top- modernste, was Städte bieten konnten, sondern auch als Sicherheitsrisiko. Aber mit der unheimlichen Stille kommt die große Angst: Frauen wagen sich nicht mehr in die Niederungen der öffentlichen Verkehrsbetriebe. Penner, Betrunkene und allerlei zwielichtiges Gesindel macht sich breit. Pöbeleien und handgreifliche Belästigungen sind an der Tagesordnung. Die Statistik der Sicherheitskräfte weist zwar nur relativ wenige Gewaltverbrechen aus, doch die latente Gefahr und die zahlreichen unschönen Erfahrungen im S- und U-Bahnbereich schrecken immer mehr Mädchen und Frauen von einer abendlichen Fahrt im [Münchner, B. S.] Untergrund ab.1'7 Verkehrsuntemehmen versuchten in dieser Zeit, Nacht-Taxidiensten für Frauen einzuführen und begannen ihre Sicherheitssysteme zu verbessern.*" Von 1974 bis 1983 Naimark, Norman M.: The Russians in Germany. A History of the Soviet Zone of Occupation, 1945-1949. Cambridge, Mass.-London 1995; Heineman, Elisabeth: The Hour of the Woman: Memories of Germany’s „Crisis Years“ and West German National Identity. In: American Historical Review 2. (April 1996), S. 354-395. 17 Jahresbericht für das Wirtschaftsjahr 1948/49, Stadtarchiv München, Verkehrsbetriebe, Aktenabgabe 67/3, 298. 18 Nötigung des Fahrpersonals durch Angehörige der US-Armee, 3. September 1947, Stadtarchiv Dresden, VB 171. 15 Geiger, Eberhard: Zeitungsartikel ohne Titel, wohl Süddeutsche Zeitung (Juni 1979), Archiv Freunde Münchner Trambahn Museum e. V., München. Das Archiv enthält eine hervorragende Sammlung von Zeitungsartikeln, die leider teilweise ohne genaue bibliographische Angaben sind. 211 Es gab in München einen einjährigen Test fur einen Tram-Taxi Service nach 21 Uhr. Vgl. Süddeutsche Zeitung (27. Februar 1989), Archiv Freunde Münchner Trambahn Museum e.V., München. 338