Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Barbara Schmucki: Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse

Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse gab es zum Beispiel in München die sogenannten „Schwarzen Sheriffs“, privat ange­heuerte Sicherheitskräfte, die nicht gerade guten Anklang beim Publikum fanden. Wie­derholt zirkulierten Gerüchte, dass diese Sicherheitskräfte selbst in Belästigungen von Frauen verwickelt waren. 1989 wurde dann die der Stadtverwaltung unterstellte U- Bahnwache eingeführt, die psychologisch geschult weit weniger Aggressionspotenzial erzeugte und mehr Erfolg zu verzeichnen hatte. Zur gleichen Zeit wurde das Design der Haltestellen an die Sicherheitsbedürfnisse angepasst, mehr Licht angebracht und un­übersichtliche Stellen vermieden. Schließlich wurden auch die Wagen entsprechend neu gestaltet. Einschlägige Statistiken besagen, dass die Zahl der kleineren Verbrechen um 50 bis 70 % zurückgingen.21 Straßenbahnen und Schienenbahnen sind geeignete Objekte bzw. Orte, um die Wech­selwirkung zwischen Technik und Gesellschaft zu analysieren. Es ist die Technik, mit der ein halb-öffentlicher Raum geschaffen wird, in welchem soziales Verhalten deter­miniert und kontrolliert wird. Technik ist in diesem Sinne nicht geschlechtsneutral. Für Männer und Frauen ist das Benutzen von Straßenbahnen nicht gleich. Technik unter­mauert im Fall der Straßenbahn die hierarchische Ordnung der Geschlechter und hilft die Differenz zwischen den beiden aufrechtzuerhalten. Zu guter Letzt führte aber das Bewusstsein um diese Zusammenhänge - wie das Beispiel der Sicherheit zeigte - zu einer dezidiert sozialen Prägung von Technik und zu technischem Wandel. Der Führerstand als Arbeitsplatz Der öffentliche Verkehr - ja Verkehr überhaupt - ist bis heute ein Bereich, in dem allem Männerberufe zu finden sind. Im nächsten Abschnitte soll es darum gehen, unter welchen Bedingungen Frauen in diese Berufe einsteigen konnten und was das im Hin­blick auf das Geschlechter- und damit Machtverhältnis in einem technisch geprägten Arbeitsfeld zu bedeuten hat. Wie in vielen Bereichen so mussten Frauen auch hier als Ersatz für fehlende Männer im Ersten Weltkrieg einspringen. Frauen fuhren beispielsweise während des Ersten Weltkrieges zum ersten Mal Straßenbahnen. Später - auch das nicht untypisch - wur­den sie allerdings wieder entlassen. Dieser neue, ungewohnte Einsatz von Frauen hatte aber das Interesse der Straßenbahnuntemehmen, mehr noch der Psychotechnik ge­weckt. Die Psychotechnik war eine neue Anwendung der sich um die Jahrhundertwen­de etablierenden Psychologie. Sie entwickelte Methoden, um die Fähigkeit gewisser Personen für gewisse Tätigkeiten zu testen. Die ersten psychotechnischen Eignungsprü­fungen von Frauen für das Straßenbahnfahren waren 1912 durchgeführt worden, 21 Jeschke, Carola: Die Sicherheit von Frauen als allgemeine Mobilitätsbedingung. Berlin 1993 (Schriftenreihe des Instituts für Verkehrsplanung und Verkehrswegebau 25). 339

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