Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Rainer Leitner: Eisenbahn-Maschinenfabriken: Orte des Technologietransfers im 19. Jahrhundert

Rainer Leitner 4.1. Béla Egger - vergessener Pionier1' Werner Siemens war es gewesen, der im Jahr 1866 mit dem so genannten dynamo­elektrischen Prinzip ein bedeutendes physikalisches Grundgesetz entdeckt hatte. Damit legte er die Grundzüge für den Bau leistungsstarker Maschinen und, direkt damit ver­bunden, flir die Entwicklung der Starkstromtechnik insgesamt. 13 Jahre später, am 31. Mai 1879, war Siemens auf der Berliner Gewerbeausstellung in der Lage gewesen, die erste elektrische Eisenbahn der Welt einem überrascht staunenden Publikum auf einem 300 Meter langen Rundkurs zu präsentieren. Béla Egger gehörte zum Kreis der frühen Mitarbeiter von Siemens. Als gelernter Ma­schinenschlosser machte er eine unglaubliche Karriere bis hin zum angesehenen Indus­triellen: Er gründete die „Erste österreichisch-ungarische Fabrik für elektrische Be­leuchtung und Kraftübertragung“ sowie weitere Fabriken ähnlicher Art. In Österreich trat er aber vor allem als Pionier der elektrischen Eisenbahn in Erscheinung: Im Jahr 1880 nahm er im Rahmen der „Niederösterreichischen Gewerbeausstellung“ eine klei­ne, zeitlich befristete elektrische Bahn in Betrieb. Weltweit handelte es sich immerhin um die zweite Anlage dieser Art, wenn auch ihre Dimensionen einen schmalen Rahmen nicht überschritten. Hin- und her fahrend legte diese Ausstellungsbahn eine Distanz von etwa 200 Metem zurück und war während der dreieinhalb Monate ihres Betriebes aber immerhin in der Lage, beachtliche 26 000 Personen zu befördern. Der Triebwagen besaß eine mit einem Geländer ausgestattete Plattform, auf welcher fünf bis sechs Fahrgäste stehend befördert werden konnten. Etwas mehr Bequemlichkeit besaß ein einziger kleiner Anhängewagen, auf den man zwei mit ihren Rückseiten verbundene Gartenbänke montiert hatte.21 22 Die Bahnen von Egger und Siemens wiesen markante unterschiedliche Konstrukti­onsmerkmale auf; Egger hatte also keineswegs eine simple Kopie von Siemens ange­fertigt. So entsprach etwa die elektrische Umsteuerung der Fahrtrichtung des Triebwa­gens eigenen Überlegungen, während Siemens dazu noch ein mechanisches Zahnrad­wendegetriebe benutzt hatte. Von Egger wurde außerdem die Energiezufuhr zum Fahr­zeug derart vereinfacht, dass der Fahrstrom des Triebfahrzeuges von jeweils einer Schiene des Gleises zu- bzw. abgeleitet wurde - ein Prinzip, das wiederum Siemens ein 21 Struktur, Kapiteleinteilung und Inhalt orientieren sich in weiterer Folge an Kraus, Heinrich G.: „...wie von Zauberkraft gezogen..." Alt-Österreichs elektrische Bahnen. Klagenfurt 1992. Vgl. weiters: J ü 11 i g, Max Ferstel, Wolfgang Freiherr von: Bau und Betrieb elektrischer Bahnen. In: Geschich­te der Eisenbahnen der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, Bd. VI/2. Wien-Teschen-Leipzig 1908, S. 365-419. 22 Aus der R otu nde . ln: Neue Freie Presse (29. Juli 1880, Morgenblatt), S. 7. 294

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