Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Rainer Leitner: Eisenbahn-Maschinenfabriken: Orte des Technologietransfers im 19. Jahrhundert

Eisenbahn-Maschinenfabriken: Orte des Technologietransfers im 19. Jahrhundert Karl Schloss (1857-1930) wiederum war der Nachfolger Eustach Prossys als Ma­schinendirektor der Südbahngesellschaft. Unter seiner Federführung erreichte der ös­terreichische Lokomotivbau knapp nach Ausbruch des ersten Weltkrieges durch die Konstruktion der Schnellzugreihe 570 sozusagen wieder die europäische Spitze, da mit ihr erstmals für den reinen Schnellzugdienst eine vierfach gekuppelte Maschine in Dienst gestellt wurde. Bei diese Reihe wurde nach dem Ersten Weltkrieg erstmals weltweit bei einer Schnellzuglokomotive die bewährte Heusinger-Kolbensteuerung durch die völlig neu konzipierte und einen günstigeren Wirkungsgrad aufweisende Lentz-Ventilsteuerung, die in mehreren Varianten bei den Güterzuglokomotiven der Reihe 180 erprobt worden waren, ersetzt. Unerlässlich scheint es, noch in gebotener Kürze einen für die Entwicklung der Lo­komotive bedeutenden Namen anzuführen: Rudolf Sanzin (1874-1922)18 war jener Spezialist, welcher erstmals die wissenschaft­lich-technischen Grundlagen des Lokomotivbaues durch eine Fülle neuer Messmetho­den ergänzte und diese in die praktische Konstruktionsarbeit mit einbezog, d. h., die empirischen Grundlagen durch fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse ergänzte.19 4. Die weltweit ersten elektrischen Bahnen der Donaumonarchie Eine unbestrittene Tatsache bildet der Umstand, dass unzählige technische Innovati­onen während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Ursprung in der Donau­monarchie hatten. Die Spannweite reicht gewissermaßen vom Automobil (Siegfried Marcus) über Schiffschraube, Nähmaschine, Schreibmaschine und unzählige andere Erfindungen bis hin zur modernen Rohrturbine.20 Diese Tatsachen sind bekannt. Fast vollständig in Vergessenheit geraten ist allerdings die Tatsache, dass die Donaumonarchie auch als Pionierin der weltweit allerersten elektrischen Eisenbahnen in Erscheinung getreten ist. Aus diesem Grund soll hier an einige kaum beachtete, doch für den europäischen Maschinenbau wie die Elektrotech­nik und das Eisenbahnwesen wegweisende Neuerungen erinnert werden. 18 Rudolf Sanzin führte die Erprobung und Untersuchung zahlreicher Lokomotivbauarten durch - er gehörte zu den Pionieren der wissenschaftlichen Forschung im Lokomotivbau. 1904 promovierte er als erster Maschineningenieur an der Technischen Hochschule in Graz, wo er sich auch 1906 habilitierte. Neben seiner Tätigkeit als Hochschullehrer in Graz und Wien wirkte er bei der Südbahngesellschaft sowie im Eisenbahnministerium. 19 Vgl. die Beiträge von und über Eustach und Emst Prossy, Steffan, Schloss und Sanzin in diversen Jahrgängen der Zeitschrift „Die Lokomotive“ 1908-1943. 20 Vgl. E r f i n d e r. Patente. Ö s te r re i c h , hrsg. vom Technischen Museum Wien. Wien 2001. 293

Next

/
Thumbnails
Contents